27. Aug, 2017

Mein 2. Geburtstag

Lieber Freund,
liebe Freundin

Heute, den 27. August wurde ich zwei Jahre alt. So jedenfalls steht es in meinen Reisedo-kumenten und im Schweizerpass, den ich seit Anfang Juli 2017 besitze. Wann genau ich je-doch geboren bin, weiss niemand so richtig. Meine früheren Besitzer sollen mich irgendwo in einem Gebüsch gefunden haben, als ich etwa drei Monate alt war, sagt man.

Ich bin zwar noch jung, trotzdem kann ich mich kaum noch an diese Zeit erinnern. Mein Tierarzt in Puerto Madryn, der mich für meine grosse Reise in die Schweiz gründlich untersucht, geimpft und gechipt hat meinte, ich sei unge-fähr zwei Jahre alt. Und weil er in meine Reisedokumente etwas schreiben musste, wählte er den 27. August 2015 als mein Geburtsdatum. Der 27. August ist übrigens nicht nur für mich ein ganz besonderer Tag. An diesem Tag hat ein ganz lieber Mensch, eine Frau, die mir viel bedeutet und mir in meinem Leben sehr geholfen hat, ebenfalls Geburtstag. Wer das ist, das bleibt mein und ihr Geheimnis.  

Die Geschichte, wie ich Daniel und Marion im November 2016 in Puerto Piramides kennengelernt habe, die kennst Du vermutlich bereits aus den Argentinischen oder Schweizer Medien. Für mich war es damals schlicht und einfach Zuneigung auf den ersten Blick. Ich wollte Daniel und Marion aus der Schweiz zu meinen Adoptiveltern machen.

Als ich am Morgen des 28. Novembers, so wie jeden der vorangegangenen 6 Tage, Daniel und Marion auf der Veranda des Hotels besuchte, stand mein Futternapf gefüllt mit Futter vor deren Zimmer. Nur Daniel und Marion waren nicht mehr da. Sie kamen weder am Abend, noch die kommenden Tage zurück. Sie waren abgereist. Wenn Hunde traurig sein können, dann denke ich, dass ich in diesem Moment sehr traurig war. Hatte ich doch die letzten 6 Tage mit Daniel und Marion ganz viele gute Stunden verbracht. Wir machten ausgiebige Strandspaziergänge. Und endlich bekam ich wieder richtig zu fressen; ich musste nachts nicht mehr mit knurrendem Ma-gen einschlafen; Daniel und Marion entfernten mir lästige Zecken aus dem Fell und kraulten mich ausgiebig, bis ich regelmässig auf Daniels Füssen einschlief. Nachts haben sie mich nach Hause geschickt und gesagt, ich könne am anderen Morgen wiederkommen. Und das tat ich jeweils auch.

Bereits früh am Morgen wartete ich auf der Veranda vor deren Zimmertür. So verbrachten wir fast eine ganze Woche  zusammen. Bis an diesem 28. November. Ich kann mich noch gut erin-nern. Es war windig und der Himmel wolkenverhangen, als Daniel und Marion nicht mehr ins Hotel zurückkehrten. Am gleichen Tag schrieb mir Daniel auf seiner Reisehomepage rucksack-reise.ch /Argentinien einen ganz persönlichen Abschiedsbrief. Darin versprach er mir, wenn ich brav bleibe, dann komme er in ein paar Monaten nach Argentinien zurück um mich in die Schweiz zu holen. So blieb mir also noch eine kleine Hoffnung. Ich zählte die Tage und wartete darauf, dass Daniel mich holen kommt. Damit ich ihn auf keinen Fall verpasste, blieb ich von nun an praktisch nur noch bei der lieben Hotelmamma. Denn ich wollte da sein, wenn Daniel mich holen kommt. Fast auf den Tag genau 7 Monate nachdem ich Daniel und Marion in Puerto Pira-mides kennenlernte und ich die beiden als meine Adoptiveltern ausgesucht hatte, kam Daniel im Juni 2017 tatsächlich für 4 Tage nach Argentinien zurück um mich zu holen. Das war ein herrli-ches Wiedersehen! Daniel hat sein Versprechen wahrgemacht. Den Teil unserer gemeinsamen Geschichte erzählte Daniel am Flughafen von Trelew kurz vor unserem Abflug in die Schweiz einem Journalisten.

Und jetzt: Seit genau 2 Monaten lebe ich nun mit meinen Wunscheltern in der Schweiz. Wir un-ternehmen viel; gehen in den schönen Schweizer Alpen wandern, machen lange Spaziergänge entlang von klaren Flüssen und Seen. Dort halte ich gerne Ausschau nach Enten oder Fischen, die ich jagen oder fangen könnte. Zwar verstehe ich nicht so ganz wieso, doch meine Adoptiveltern möchten nicht, dass ich mir mein Fressen selber besorge. Dabei bin ich doch ganz gut darin. Habe dies in meinem früheren Leben ja auch getan. Und Du musst wissen, hier in der Schweiz gibt es ganz viel, das man jagen, fangen und nach Hause bringen könnte.


Zu Hause bewohnen wir ein eigenes Haus mit einem schönen Garten, wo ich mich tagsüber oder abends so richtig austoben kann. Hier bringen mir Daniel und Marion auch verschiedene Regeln bei. So weiss ich bereits was Sitz, Platz und Warten heisst. Und ich habe gelernt meinen Adoptiv-eltern Gegenstände zurückzubringen. Das geht jeden Tag ein Bisschen besser. Macht Spass! Manchmal etwas mehr und manchmal etwas weniger. Aber wenn ich meine Arbeit gut  mache, dann bekomme ich meist ein Hundeleckerli und ich werde dafür gelobt. Manchmal nehmen mich Daniel und Marion auch zum Einkaufen mit. In meinem Quartier habe ich auch schon gute Be-kanntschaften mit anderen Hunden geschlossen. Das Schöne ist, ich muss mein Fressen nie mehr zusammenbetteln. Und Nächte, wo ich mit knurrendem Magen einschlafen muss, die gehören auch der Vergangenheit an. Ich geniesse es, wenn ich stundenlang gekrault werde. Für all' das danke ich mit meiner langen, feuchtnassen Zunge. Du weisst schon! Nach zwei Monaten spüre ich, ich werde  langsam aber sicher eine richtige Schweizerin. In meinem Herzen bleibe ich aber immer  eine Argentinierin. Eine Argentinierin mit ganz viel Temperament. Und das Tolle ist, meine Adoptiveltern lieben mich so, wie ich bin.

Für meine lieben Hundefreunde auf den Strassen von Puerto Piramides, Puerto Madryn, in ganz Argentinien und auf der ganzen Welt wünsche ich mir zu meinem 2. Geburtstag, dass sie auch ein gutes zu Hause bekommen und liebe Familien finden, die für sie sorgen und sie pflegen.

Du, lieber Freund, Du, liebe Freundin, ich wünsche Dir alles Glück dieser Erde, eine gute Gesund-heit und ein langes, erfülltes Leben. Wenn Du Lust und Zeit hast, dann schreibe mir auf meiner Homepage – egal wieviel, egal in welcher Sprache. Gute Worte werden gelesen und gute Worte kommen immer an.

Auch wenn ich Dir künftig nicht mehr zurückschreiben sollte, werde ich Dich und Deine lieben Worte nie vergessen.

Im Laufe meines Lebens stelle ich aber bestimmt immer wieder Fotos und auch Berichte auf Spanisch und Deutsch auf meine Homepage.

Deine Canelita

 

Das Glück ist oft sehr nahe.

Manchmal findet man es sogar auf der Strasse.

Wir haben unser Glück gefunden!

Daniel, Marion und Canelita