23. Aug, 2016

Die Tageransteppe

Der heutige Tag startet leicht bewölkt. Von der rund 600 km2 grossen Tageransteppe her weht ein heftiger und kalter Wind. Um halb zehn Uhr fahren wir mit unserem Minibus los in Richtung Steppe. Je weiter wir in die Steppe hineinfahren, desto besser wird das Wetter - zeitweilig sogar fast wolkenlos. Heute besteigen wir die beiden höchsten Berge der Steppe. Den Tan Chan und den Borun Chan. Beide Berge sind je knapp 900 Meter hoch. Bei schönem Wetter wie heute bietet sich dem Wanderer herrliche Ausblicke auf den Baikal im Süden und die in verschiedenem Grün leuchtende Tageransteppe im Osten, Norden und Westen.

Auf dem zweithöchsten Berg, dem Borun Chan, erzählt uns Dima eine Legende. Demnach sollen vor langer Zeit in der Tageransteppe zwei Brüder gelebt haben. Der eine habe Tan Chan und der andere Borun Chan geheissen. Eines Tages hätten sich die Brüder darüber gestritten, wer der Stärkere von beiden sei. Um dies zu regeln, habe der eine 44 und der andere 55 Geister angerufen, welche an deren Statt miteinander kämpfen sollten. Der Kampf der Geister sei sehr lange und heftig gewesen. So lange, bis sich der Himmel für lange Zeit verdunkelte. Weil dies dem Himmel aber nicht gefiel, habe dieser alle 99 Geister, sowie auch die beiden Brüder Tan Chan und Borun Chan versteinert. So kann man noch heute die versteinerten beiden Brüder und die wie auf einer Schnur aufgereihten 99 Geister als Berge bzw. Felsenhügel in der Tageransteppe sehen und besteigen – so die Legende.

Wir wandern heute zuerst zweimal bergauf und bergab, über Stock und Stein und kilometerlang durch eine äusserst trockene Steppe. Die Geister der Steppe lassen wir auf uns wirken. An den Hängen der Berge sieht die Tageran wie ein riesiger Steingarten aus. Die Steppe duftet wunderbar nach einer Vielzahl von Kräutern und anderen Pflanzen. So wächst hier u.a. wilder Thymian, Wermut, Kamille, wilder Kerbel und versteckt zwischen den Gräsern entdecken wir immer wieder eine in unseren Breiten heimische, jedoch seltene Blume, das Edelweiss. Dima erklärt uns viel über die Entstehungsgeschichte, Geologie und Flora der Tageran. Die einen Kräuter kennen wir aus unseren Gärten. Andere sind uns fremd - weil endemisch. An einigen Stellen ist die Steppe sehr niedrig und an anderen Stellen wiederum wandern wir durch hohes, trockenes Lanzen- oder Speergras. Weil es in der Tageran  aber nur sehr wenig Niederschlag gibt, ist hier der Boden fast überall nur sehr locker bewachsen. Typisch Steppe halt. Die Berghänge hingegen zeigen sich etwas grüner. Sie sind Teils mit niedrigen Nadelbäumen bewachsen.

Wie bereits auf den letzten Wanderungen bereitet uns Dima wieder einen feinen Lunch mit Wurst, Käse und Gemüse zu. Kurz vor unserer Mittagsrast stossen wir auf zwei gewaltige, kopfgrosse Pilze aus der Familie der Bovisten (s. Bild). Beide Bovisten sind in perfektem und geniessbarem Zustand. Einen Bovisten schneiden wir gleich entzwei und grillieren diesen in grossen Scheiben. Der andere wird am Abend von einem Wanderkollegen und einer Wanderkollegin in unserer Unterkunft überbacken mit Paniermehl zubereitet. Die schmecken wirklich super! 

Mit ein paar frisch gepflückten Kräutern bereitet Dima heute Mittag einmal mehr einen feinen, selbstgemachten Tee zu. Dazu süsses Gebäck und Mandarinen zum Nachtisch. Zum Schluss, gewissermassen als Höhepunkt, nimmt Dima noch seine Gitarre zur Hand und spielt und singt uns russische Lieder. Schliesslich outet sich auch noch einer unserer Gruppe als ausgezeichneten Gitarristen und Sänger. Irgendwie fühle ich mich wie zu meinen besten Pfadizeiten. Weit und breit keine Menschenseele, die uns stört. Nur in der Ferne grollen zwischendurch ein paar Steingeister. Doch sie bleiben uns wohlgesinnt.

Gegen 18.00 Uhr sind wir trockenen Fusses in unserer Unterkunft zurück.