21. Aug, 2016

Wandern in der Taiga

Heute präsentiert sich uns erneut ein schöner und warmer Spätsommertag. Wir starten mit Dima auf eine mehrstündige Waldwanderung im Hinterland von Listwjanka. Nach dem Bahnschwellenwandern von gestern ist diese Wanderung wieder mehr nach unserem Geschmack. Das Bild nebenan sagt wohl Alles! Was wir heute in Sachen Steinpilzen und anderen Speisepilzen unmittelbar entlang des Wanderweges finden, übertrifft sogar die letzten beiden Sammlertage. Wir, d.h. nicht nur die Gruppe, sondern auch Dima, sammeln was unsere Beutel und Rucksäcke hergeben. Um nicht unnötigen Ballast mitschleppen zu müssen, rüsten wir die meisten Pilze auch gleich vor Ort. Einen Teil der Pilze schenken wir Dima und den Rest wollen wir am Abend Tamara bringen.

Zusammen mit ihrem Mann Andrej und ihren vier Kindern, lebt Tamara auf dem Lande, direkt an der Verbindungsstrasse zwischen Irkutsk und Listwjanka, etwa 15 km von Listwjanka entfernt. Ein Dorf auf dem Lande erkennt man hier meist daran, dass es in der Regel nur noch Dreck- oder Schotterstrassen gibt und die Steinhäuser der Städte durch einfachere Holzbauten abgelöst werden, welche in einem grösseren Abstand zueinander auf mehr oder weniger stark eingezäunten Grundstücken stehen.

Nach weniger als einer Stunde haben wir unsere Beutel mit vorwiegend Steinpilzen gefüllt. Jetzt wenden wir uns so richtig dem Wandern zu und nehmen die vielen Pilze am Wegrand nur noch wahr, wenn es sich um extrem schöne oder grosse Exemplare handelt. Nach knapp drei Stunden und etwa 600 Höhenmetern machen wir auf einem bewaldeten Bergkamm, mit herrlichem Blick auf den Baikalsee, unsere Mittagspause. Wie bereits gestern, hat Dima unseren gesamten Mittagslunch in seinem grossen Rucksack auf diesen Berg geschleppt. Mehr noch, er packt eine Tischdecke und einen grossen, verrussten und verbeulten Wasserkessel aus. Wie Dima erzählt, habe dieser Kessel schon viele Wanderungen und Abenteuer mitgemacht. Wie zu den besten Pfadi-Zeiten grillieren wir dann alle zusammen am offenen Feuer Würste - so etwas, wie sibirische Servelats, welche unseren ganz ähnlich sind - und trinken Tee, mit Quellwasser und Kräutern von diesem Wald und ein paar Teebeutel Schwarztee und geniessen einfach die Ruhe und den herrlichen Ausblick auf den Baikal.

Am späten Nachmittag fahren wir dann noch in ein rund 20 km von Listwjanka entfernt gelegenes, grossflächig angelegtes Freilichtmuseum ganz im Stile von Ballenberg in der Schweiz. In einem Schnelldurchgang – die zur Verfügung gestandenen 1,5 Stunden waren eher etwas knapp bemessen – erklärt uns die Dima anhand der verschiedenen Holzbauten und Gerätschaften, wie die Menschen die Gegend rund um Irkutsk und Listwjanka besiedelt haben. Ein äusserst eindrückliches Museum, das es sich unbedingt lohnt zu besuchen. Nach der langen Wanderung waren aber viele von uns doch schon etwas müde um den Ausführungen von Dima noch wirklich folgen zu können. Abgesehen davon, ermüdete der Gang durch die grosse Anlage noch fast mehr als das Wandern selbst. Also sind wir froh, gegen 18.00 Uhr Tamara besuchen zu dürfen. Wir bringen ihr eine Flasche armenischen Cognac und drei grosse Säcke gefüllt mit Steinpilzen. Über die Steinpilze freut sie sich besonders. Schliesslich wissen die Einheimischen hier auch was gut ist!

Vor ein paar Jahren ist Tamara mit ihrer Familie von Irkutsk hierhergezogen. Sie haben sich ein leeres Grundstück von 1'000 m2 gekauft und darauf eigenhändig und mit Hilfe von Freunden und Bekannten ein zweistöckiges Haus mit Nebengebäuden gebaut. Mit einem grossen Gemüse- und Früchtegarten und einigen Nutztieren, wie Schweine, Gänse, Enten, welche auf Nachbars Grundstück gehalten werden dürfen, ist die Familie weitgehend Selbstversorger. Tamara bewirtet uns mit feinem Früchtekuchen und Tee und danach mit in Salz eingelegtem Speck und Wodka. Der Himmel zieht zu. Es ist 20.00 Uhr. Dima holt uns bei seiner Arbeitgeberin Tamara ab und wir fahren nach Hause. Ein wunderbarer Tag geht zu Ende.