9. Aug, 2016

Alles russisch - oder was?

Wir ziehen weiter. Das mondäne Moskau liegt weit hinter uns. Draussen ziehen Birkenwälder an uns vorbei. Ab und zu sehen wir auch mal Mischwälder. Doch meist dominieren dünne, weisse Birkenstämmchen das Landschaftsbild. Manchmal macht der Wald ein paar kleineren Siedlungen Platz. Nichts mehr mit hypermodernen Prunkbauten, keine Festbeleuchtungen, keine Metro und auch kein hektischer Arbeitsverkehr mehr. Hier sind die Häuser meist nicht mehr als zweistöckig, dafür bunt und mehrheitlich aus Holz, während die Dächer weit nach Unten gezogen sind. Erinnert uns etwas an Nordeuropa - einfach etwas ärmlicher. Das ist wohl das andere Russland.

Wir sitzen im Speisewagen von Zug Nr. 2. Russisch können wir immer noch nicht. Genauso wenig die kyrillische Schrift lesen. Dafür redet das äusserst nette Zugbegleitpersonal praktisch nur noch russisch und gleichzeitig unentwegt auf uns ein. So als müssten wir doch einmal verstehen, was sie uns gerade sagen wollten. Aber nicht ungeduldig oder mürrisch, sondern immer herzlich und mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Und wir - wir lächeln einfach zurück. Wir verstehen. Und das ohne viele Worte. Diese Sprache versteht Jeder. Sie ist einfach universell.

Die Sonne steht tief. Gegen 19.30 Uhr verschwindet sie langsam hinter den vorbeiziehenden Wäldern. Das Farbenspiel von verschiedenen Grün- und Gelbtönen weicht einem einheitlich dunklen Grünschwarz. Am Horizont leuchtet noch ein goldgelber Streifen. Es ist wolkenlos und draussen immer noch über 25 Grad warm. Die Klimaanlage läuft auf Hochtouren. Frischfleisch gleich werden wir runtergekühlt. Und sei es nur, damit die Passagiere die nächsten Tage etwas weniger streng riechen. Denn Duschen haben wir in unserem Wagen noch keine gesichtet.

Wir schauen in die Nacht hinaus, sinnieren über die letzten Tage und über das, was uns die nächsten bringen mögen - eingepackt in warme Jacken. Der Zug hält für zehn Minuten. Ein Bahnhof im Irgendwo. Wie der Ort heisst, wissen wir nicht. Wir können immer noch kein Russisch. Was soll's! Wir müssen ja nicht Alles wissen. Und verstehen tun wir auch so.

Wir essen im Speisewagen einen kleinen gemischten Salat, danach gekochten Fisch mit Kartoffeln, trinken ein russisches Bier und sind überrascht, als die Rechnung nur gerade Fr. 7.00 macht. Aufmerksam, wie sie sind, bemerkt die Bedienstete des Speisewagens, dass wir ob der tiefen Rechnung überrascht sind. Sie deutet uns, wir hätten nur die Getränke zu bezahlen.

Das war es also, was sie uns vor Stunden in fliessendem Russisch zu erklären versuchte, während sie in unserem 2er-Abteil eine Bestellung aufnahm, die wir genausowenig verstanden. Offenbar haben wir beide Fisch bestellt ohne zu wissen, dass das Abendessen im Preis inbegriffen ist. Und hätten wir uns nicht intuitiv gegen 19.00 Uhr zwei Wagen weiter in den Speisewagen begeben, so hätten wir nie herausgefunden, dass diese freundliche Russin nichts weiter wollte, als uns in ihr Restaurant zum Abendessen einzuladen. Und ich - ich hätte Euch nie darüber berichten können.

Mittlerweile sind wir wieder längst in unserem Erstklassabteil zurück. Marion schläft längst. Es ist 22.00 Uhr (Moskauzeit). Ich mach' jetzt auch Schluss. Und wenn morgen die Sonne über Russland aufgeht, dann schreibt das Leben bestimmt wieder unzählig neue Geschichten. Ich werde versuchen, Euch erneut eine davon einzufangen.