15. Sep, 2016

Letzte Nacht regnete es immer wieder. Der heutige Morgen startet ebenfalls stark bewölkt und regnerisch. So richtig passend zu unserer Situation, in der wir stecken. Mit einem kaputten, nicht mehr fahrtüchtigen Auto und ohne Handyempfang sitzen wir in diesem Ger Camp von Explore Mongolia. Battuuls Handy funktioniert in diesem Gebirge nicht. Ihr Netzbetreiber soll in diesem Winkel der Mongolei über kein Netz verfügen, so Battuul. Das Beste an unserer Situation ist - wir haben ein Dach über dem Kopf und dreihundert Meter entfernt lebt ein Nomade, welcher für den Unterhalt und den Betrieb des Camps verantwortlich ist. Unser Camp ist ausgestorben. In dieser Jahreszeit kommen einfach nicht mehr viele Touristen in die Mongolei. Otog, Battuul, Marion und ich sind alleine in diesem, mindestens zwanzig Personen Platz bietenden Ger. Beim heutigen Frühstück erfahren wir von Battuul, der Nomade verfüge mit seinem Handy über ein anderes, sprich funktionierendes Telefonnetz. Wir schöpfen Hoffnung. Nach den Erlebnissen der letzten Tage weigert sich Marion auch nur noch einen Meter mit diesem ramponierten Auto zu fahren. Wir verlangen, Battuul solle ihre Firma anrufen und sowohl einen anderen Fahrer, als auch ein anderes Auto bestellen. Gegen 10.00 Uhr ruft Battuul von der Jurte des Nomaden Explore Mongolia an. Sie meldet uns zurück, diese würden erst gegen Mittag wissen, ob sie auf die Schnelle einen anderen Fahrer bekämen. In der Zwischenzeit macht sich Otog an die Arbeit. Er entfernt das vordere linke Rad und begutachtet den Schaden. Ob er tatsächlich versucht sein Auto wieder hinzukriegen?  Seinen Reparaturfähigkeiten vertrauen wir mittlerweile genausowenig, wie seinem Fahrstil. Wir bleiben dabei. Wir wollen einen anderen Fahrer.

Am Mittag dann die gute Nachricht. Explore Mongolia schickt uns ein anderes Auto und einen anderen Fahrer. Dieser soll von Ulanbaatar kommend für die gut 100 Kilometer (80 Kilometer Asphalt- und 20 Kilometer Alpstrasse) zwei Stunden brauchen. Um 15.30 Uhr ist Sandak da. Ein 67jähriger, sympathischer Fahrer mit einem einwandfreien, gut ausgerüsteten und sauber geputzten Toyota Landcruiser. Mit diesem Fahrer habe sie vor sechs Jahren ihre erste Tour durch die Mongolei gemacht und seither Sandak nie mehr gesehen, erklärt uns Battuul. Battuul und Sandak verstehen sich blendend.

Um 16.00 Uhr kommen wir dann doch noch zu unserer Tour durch den Nationalpark Khustain Nuruu. Während Otog weiter an seinem Auto werkelt – Sandak hat ihm offenbar irgendwelche Ersatzteile mitgebracht – machen wir uns mit Sandaks Auto auf die Pirsch. Wir wollen unbedingt diese fast ausgestorbenen und heute immer noch sehr bedrohten Przewalski Wildpferde sehen. Man geht allgemein davon aus, dass die Przewalski Pferde die noch nächsten Verwandten des ausgestorbenen Urpferdes sind. Entdeckt wurde das kleine Wildpferd von einem Russen namens Przewalski im 19. Jahrhundert in der Mongolei. Bereits damals war das Przewalski selten und nur in ganz wenigen Gegenden der Mongolei zu finden. Zoos auf der ganzen Welt ist es  zu verdanken, dass dieses Kleinpferd mit einer Schulterhöhe von nur 1,44 Metern nicht völlig ausgestorben ist. Nachdem es in der Mongolei als so gut, wie ausgestorben galt, wurden Mitte des 20. Jahrhunderts mit Hilfe von Zoos und privaten Züchtern grosse Anstrengungen unternommen, Przewalskis an drei verschiedenen Stellen der Mongolei wieder auszuwildern. Eines dieser Auswilderungsprojekte liegt im Gebirge und den Hochtälern des Khustain Nuruu, wo wir uns aktuell befinden. Hier soll es mittlerweile wieder einhundert dieser Pferde geben. Weltweit leben noch etwa 1'500 Przewalskis. Weil alle Nachfahren dieser Przewalskis von nur einem Dutzend überlebender Tiere stammen, sei die Gefahr von Inzucht, Krankheiten und letztlich dem Aussterben weiterhin gross, so Dulgun.

Die Wolken verziehen sich und der Himmel klart auf. Auf der Fahrt dorthin, wo unserer Fahrer auf seiner Hinfahrt bereits Przewalskis gesehen haben soll, entdecken wir viele Murmeltiere. Im Gegensatz zu unseren sind diese hier etwas weniger grau, sondern mehr braun. Dafür ähnlich dick und fett, wie unsere. Der Winter kommt bald und er ist in der Mongolei lang und äusserst streng. Höchste Zeit also, um sich für den Winterschlaf noch ein dickes Fettpolster anzufressen. Ein Murmeltier vor die Kamera zu bekommen ist schwierig. Diese Nager sind flink und entsprechend scheu. Dafür sind deren Löcher so gross, dass ein deutscher Gast, den wir bereits beim Wasserfall im Orkhon-Tal getroffen haben, beim Aussteigen aus dem Auto kniehoch in ein Murmeltierloch fiel, wie er uns heute abend erzählt. Etwa 10 Kilometer von unserem Camp entfernt, Mitten in den Bergen treffen wir sie dann – die Przewalskis. Zuerst zwei Hengste und dann eine Gruppe von sechs bis acht Stuten mit einem Fohlen. Im Gegensatz zu den Murmeltieren sind diese Pferde nicht sehr scheu. Das Licht ist prächtig. Die spätnachmittägliche Sonne verwandelt die Landschaft in ein warmes, goldenes Licht. Die Schatten werden länger und die Przewalskis halten still. So als wären sie beim Fotografen und wüssten – jetzt müssen wir uns von unserer besten Seite zeigen.

Glücklich fahren wir zurück – schöne Aufnahmen im Kasten und mit einem umsichtig fahrenden Sandak. Sandak verkörpert nun genau den Typ Fahrer, den wir bei Otog so sehr vermissten. Sandak hilft uns beim Ein- und Aussteigen aus dem Auto, hält beim Fahren Ausschau nach Tieren; hat ein äusserst gutes Auge; reduziert seine Geschwindigkeit rechtzeitig; d.h. bevor wir mit dem Auto in ein Loch fahren oder uns plötzlich neben der Piste wiederfinden und Sandak assistiert mir sogar beim Fotografieren, indem er mir kurzzeitig Wechselobjektive oder mein Stativ hält. Schön, jetzt haben wir zum Schluss unserer Mongoleireise doch noch ein gutes Beispiel eines Fahrers erleben dürfen. Schade einfach, dass wir diesen Fahrer erst für unsere letzten beiden Tage bekommen haben.

14. Sep, 2016

Angesagt waren noch zwei Nächte in einem Camp in einem Seitental des Orkhon-Tals, wo es heisse Quellen gibt und man baden kann; einer Nacht in Kharkhorin, der ehemaligen Hauptstadt der Mongolei; auf der Hinfahrt mit einer Wanderung zum Tempel Tuwkhun; in Kharkhorin dem Besuch der Klosteranlage Erdene Zuu und schliesslich der Fahrt zum Naturpark Khustain Nuruu, wo wir noch zweimal in einem Ger Camp von Explore Mongolia übernachten sollten. Grob gerechnet, hatten wir bis in die Hauptstadt Ulaanbatar noch rund 600 Kilometer vor uns.

Bis an die eine Nacht und den halben Tag im Naturpark Khustain Nuruu haben wir für die letzten fünf Tage unserer Rundreise wettermässig viel Glück. Der «Goldene Herbst» liegt über der Mongolei. Die Tage präsentieren sich herrlich warm und nahezu wolkenlos, während die Nächte kühl bis frostig sind. Ideales Wetter zum Wandern und um die Seele baumeln zu lassen. Mit Ausnahme der Talsenken, wo sich kleinere und grössere Bergbäche ihren Weg weiter talauswärts bahnen, sind die Berghänge und Zedernwälder im Orkhon-Tal äusserst trocken. Jetzt haben die einheimischen Sammler Hochsaison. So, wie wir im Sommer und Herbst Pilze von den Bergen und aus den Wäldern tragen, sammeln die Mongolen Anfang September Zedernzapfen, bzw. deren Kerne.

Ganze Gruppen schwärmen aus um die begehrten Kerne gleich sackweise zu sammeln. Um die noch geschlossenen und hoch in den Zedern hängenden Zapfen ernten zu können, schlagen die Mongolen mit einem schweren Stück Holz gegeben den Stamm.  Die auf den Boden fallenden Zapfen werden gesammelt; in grosse Säcke gepackt; aus den Wäldern getragen und mit Geländewagen und Kleinlastern abtransportiert. Um an den schmackhaften, nach etwas Harz und Tannenzapfen riechenden Teil der kleinen, inneren Kerne zu gelangen, knackt man die härtere Schale mit den Zähnen auf. Was übrig bleibt, lässt sich kaum noch kauen. So klein ist der Kern im Kern. Trotzdem, Zedernkerne sind in der Mongolei äusserst beliebt. Ein Grossteil der in der Mongolei geernteten Zedernkerne ist jedoch nicht für den einheimischen, sondern den chinesischen Markt bestimmt. Die Chinesen sollen Zedernkerne gegen Alzheimer und Demenz verwenden, erklärt uns Battuul. Ob vorbeugend oder heilend, wissen wir leider nicht. Sind wir doch bisher keinem von Zedernkernen geheilten Demenzkranken begegnet, der uns diese Frage hätte beantworten können.

Für ein erfüllteres und längeres Leben ist den Chinesen aber nichts zu teuer. Nashorn für die Potenz und Zedernkerne gegen die Demenz. Wie viele Chinesen Potenzprobleme haben – keine Ahnung. Doch laut chinesischem Fernsehen sollen in China etwa 60 Millionen Menschen leben, welche an einer Form der Demenz leiden.

Diese fünf Tage wären ja eigentlich schön und entspannend gewesen, hätten wir uns nicht zusehends mit Autogeschichten herumschlagen müssen. Seit der Geierschlucht stimmt irgend etwas mit dem Getriebe oder der Elektronik nicht mehr. Das Auto lässt sich zwar starten, doch der Automat will einfach keinen Gang einlegen. Dieses Problem haben wir seit der Gobi täglich mindestens ein- bis zweimal. Zum Glück nur für ein paar Minuten. Ärgerlich ist es aber trotzdem. Wissen wir doch nicht, was mit dem Auto wirklich los ist!

Mehr zu schaffen, machen uns die in einem äusserst desolaten Zustand befindenden Bremsen. Ebenfalls seit der Gobi hören wir vorne rechts ein Kratzgeräusch, welches zusehnds lauter wird. Garagen und Mechaniker, wie man sie bei uns kennt, gibt es in der Mongolei höchstens in Ulanbaatar. Nur zwischen uns und Ulanbaatar liegen momentan noch hunderte von Kilometern Staub-, Wellblech- und «Alpstrassen». In einem Dorf im Orkhon-Tal bespricht Otog diese Geräusche das erste Mal mit einem «Fachmann». Ein Blick unters Auto – das wars! Wir fahren Otog-like weiter. Bei den heissen Quellen bespricht Otog die Sache dann erneut. Diesmal mit dem Sohn des Campbesitzers. Dieser behauptet ein Mechaniker und Fachmann für Toyota Landcruiser zu sein. Der junge Mann kommt zum Schluss, das Problem habe etwas mit zu wenig Bremsflüssigkeit zu tun. Alles gefehlt! Am Tag, als wir die heissen Quellen verlassen, sucht Otog im nächsten Dorf eine Werkstatt auf. Jetzt wird erstmals das vordere rechte Rad entfernt. Zum Vorschein kommen zwei dünne Metallplättchen.  Auf diesen Metallplättchen müssten eigentlich Bremsbelege ihre Arbeit verrichteten. Davon ist aber längst nichts mehr zu sehen. Mit den Ersatzbremsbelegen, welche Otog in einem Laden im Dorf kaufen konnte, kommen wir jedoch auch nicht mehr weiter. Die Metallplättchen haben die Bremsscheiben bereits so sehr ramponiert, dass auch diese ausgewechselt werden muss. Doch neue Bremsscheiben sind für hiesige Verhältnisse nicht nur teuer, sondern lassen sich weder in diesem Dorf, noch in der näheren Umgebung irgendwo auftreiben. Weil die neuen Bremsbelege die defekte Bremsscheibe nur noch zusätzlich beschädigen würde, hängt die Werkstatt die rechte vordere Bremse kurzerhand ab und befestigt das Rad wieder. Mit einer vorderen und zwei hinteren Bremsen fahren wir weitere 170 Kilometer. Ohne Gegensteuer zu geben, bricht der Toyota nun bei jedem Bremsmanöver links aus. In welchem Zustand mögen wohl die anderen Bremsen sein? Wir ahnen nichts Gutes. Schliesslich schaffen wir es bis nach Kharkhorin, ehemaligen Hauptstadt der Mongolei. Im Gegensatz zu den meisten Dörfern verfügt Kharkhorin über ein paar geteerte Strassen und für mongolische Provinzstädte auch über eine gewisse Grösse. Otog und Battuul wollen hier die defekte Bremsscheibe wechseln lassen. Doch wie uns Battuul erklärt, sei das Ersatzteil erst in Ulanbaatar erhältlich. Was soviel heisst, Wir müssen, bzw. unser Auto muss noch bis Ulanbaatar durchhalten.

In Kharkhorin stellt man in einer Garage fest, dass auch die Bremsbelege hinten links komplett im Eimer sind. Mit dem Paar Ersatzbremsen, welche für vorne rechts bestimmt waren, werden deshalb nun diejenigen hinten links repariert. Wie die Sache jedoch vorne links und hinten rechts aussieht, das wissen nur die Götter. Unser Gefühl wird zusehends schlechter. Während Battuul und Otog uns in der Klosteranlage von Erdene Zuu absetzen, verbringen sie eineinhalb Stunden in einer Garage. Dann begleitet uns Battuul kurz durch die Klosteranlage, setzt uns beim naturhistorischen Museuum von Karkhorin ab und kommt uns fast zwei Stunden nach der vereinbarten Zeit  dort wieder abholen. Diesmal haben die Beiden noch grössere Sorgen. Otog und Battuul wurden von der Polizei aufgehalten, welche das Auto beschlagnahmen wollte. Dies nicht etwa, weil die Karre nicht mehr fahrtüchtig ist, sondern weil sie in Kharkhorin auf einer ihrer letzten Touren einen Auffahrunfall und angeblich Fahrerflucht begangen hatten. Der Geschädigte habe sie, bzw. ihr Auto in Kharkhorin wiedererkannt und Anzeige erstattet. So die Version von Battuul. Battuul bekräftigt jedoch, damals die Sache mit dem Geschädigten geregelt zu haben. Vis à vis des Polizeipostens der Stadt essen Marion und ich zu mittag,  während Otog und Battuul wieder im Polizeigebäude verschwinden, wo sie mit dem Geschädigten und der Polizei verhandeln. Schliesslich können wir mit unserem Auto nur weiterfahren, nachdem Battuul und Otog eine Schuldanerkennung unterschrieben haben, für den Schaden des Anderen aufzukommen. Battuul und Otog hatten die Absicht, das auf Kredit gekaufte Auto am Ende dieser Saison wieder möglichst gut zu verkaufen und anschliessend mit einem Touristenvisum in Japan oder Südkorea einer Arbeit nachzugehen. Schwarzarbeit, wie uns Battuul sagt. Doch jetzt dürfte diese letzte eine Tour mit uns für das Paar zu einer ziemlich teuren Angelegenheit werden.

Wir schaffen es gerade noch bis in den Naturpark Khustain Nuruu. Wegen der vielen Zwischenstopps, Pannen, Reparaturen und der unplanmässigen, dreistündigen Polizeigeschichte kommen wir mit unserem Programm immer mehr ins Hintertreffen. Jetzt versagen auch die Bremsen vorne links. War ja irgendwie auch zu erwarten! Statt im Laufe des Nachmittags, erreichen wir unser Ger Camp Khustain Nuruu erst bei stockdunkler Nacht.

Dieses Auto ist ein Risiko! Wir sind fest entschlossen, unsere Reise mit diesem äusserst schlecht gewarteten Fahrzeug nicht mehr fortzusetzen.

10. Sep, 2016

Die gestrige Nacht, wie auch die kommenden zwei Nächte verbringen wir beim Wasserfall, in einem Jurtencamp, welches Explore Mongolia gehört. Gestern abend haben wir in diesem Camp noch Herrn Buom, den Besitzer von Explore Mongolia getroffen. Er ist mit einem Spezialgast - einem Mitarbeiter eines deutschen Reiseunternehmens – auf einer zweiwöchigen Rundreise.  

Buom dürfte gut 50 Jahre alt sein. Er hat in Deutschland studiert und spricht ein nahezu perfektes Deutsch. Vor sechs Jahren gründete er in der Mongolei die «Grüne Partei». Gestern abend konnten wir mit Buom noch lange und intensive Gespräche führen. Er interessiert sich sehr für Weltpolitik, die lokale Wirtschaft und besonders für die Umwelt und die vielfältigen Probleme Umweltprobleme der Mongolei. Man spürt, Buom ist nicht nur sehr gebildet ist, sondern hat auch eine klare und realistische Einschätzung was in unserer Welt abgeht und worauf sich die Mongolei gegebenenfalls einzustellen hat. Buom beweist sehr viel Weitblick.

Nachdem es letzte Nacht immer wieder stark geregnet hat und die Wolken heute den ganzen Tag sehr tief in den Bergen hängen und es ab und zu auch wieder regnet, entscheiden wir uns, heute Abend eine Nomadenfamilie zu besuchen und denen beim Melken ihrer Yaks zuzusehen. Das Programm mit dem Wandern mit Yaks und dem zweimaligen übernachten in Zelten auf über 2'200 Metern über Meer, wo es in dieser Jahreszeit bereits ersten Schnee geben kann, lassen wir zu Gunsten von zwei eher ruhigeren Tagen im Jurtencamp, fallen.

Unglaublich, doch der kommende Tag zeigt sich wieder von seiner wolkenlosen Seite. Die Nacht war klar und eisigkalt. Unsere Alpweide, auf der das Camp steht, trägt einen weissen Film an Bodenfrost. In jeder Jurte steht ein Holzofen. Wie richtige Touristen, aber vermutlich etwas übertrieben, heizen wir vor dem Schlafen gehen unseren Ofen so richtig ein. Dies hatte zur Folge, dass wir die erste Stunde wegen saunaähnlichen Temperaturen nicht und etwa drei Stunden später, nachdem der Ofen seine letzte Wärme von sich gegeben hatte, wegen zunehmender, klirrender Kälte in unserer Jurte nicht mehr schlafen konnten. Wir machen heute noch einen zweistündigen Spaziergang entlang von Bächen, Flüssen und über Alpweiden; treiben Ziegenherden vor uns her, schauen Frauen beim Yakmelken zu und geniessen die herrlich warmen Sonnenstrahlen. An windgeschützten Stellen dürfte das Thermometer erneut 25 Grad erreichen. Der Herbst ist eingekehrt. Die wenigen Laubbäume entlang der Flüsse tragen gelbes Laub. Buom sagt, nun komme der goldene Herbst über die Mongolei. Die Winde ändern sich; kommen zusehends von nord – nordwest. Die Tage sind meist trocken, sonnig und immer noch warm, während die Nächte frostige Temperaturen annehmen. Das Gras ist niedrig und von den grossen Schaf-, Ziegen- und Yakherden abgeweidet. Wegen der sehr kalten Nächte wächst das Gras kaum noch. Nach drei Nächten mit viel Erholung, geht es morgen etwa 60 Kilometer weiter, wo es heisse Quellen geben soll. Wir freuen uns auf die angekündigten Thermalbäder.

 

 

 

 

8. Sep, 2016

Diese beiden Tage verlaufen wenig ereignisreich. Es liegen wieder einmal zwei lange Reisetage von insgesamt 450 Kilometern vor uns. Von den Sanddünen der Gobi im Süden geht es nun wieder in Richtung Norden. Nach etwa 80 Kilometern queren wir den südöstlichen Ausläufer des Altaigebirges. Das Altaigebirge erstreckt sich von Russland – etwa 2'000 km westlich von Irkutsk - quer durch die Westmongolei bis an den Rand der Gobi. Während die höchsten Gipfel im russischen Altaigebirge über 6'000 m hoch sind, erreichen die höchsten Berge in der Westmongolei noch maximal 4'600 und in der Gegend, wo wir am 7. September das Altaigebirge kreuzen, schätzungsweise noch 2'500 Meter. So verliert das von Nordwest nach Südost verlaufende, alpenähnliche Gebirge, zusehends an Höhe. Auffallend ist, je weiter wir in Richtung Norden kommen, desto grüner wird die Landschaft wieder. Zum ersten Mal auf unserer Mongoleireise begegnen wir grösseren, zusammenhängenden Wäldern. Diese Wälder bestehen weitgehend aus Zedern – so ähnlich, unseren Lärchenwäldern im Bünderland. Doch im Gegensatz zu den Lärchen verlieren die Zedern im Winter ihre Nadeln nicht.  Nach sieben Stunden Fahrt, bzw. 290 äusserst anstrengenden Kilometern erreichen wir die gut 23'000 Einwohner zählende Stadt Arvaikheer. Arvaikheer ist die Provinzhauptstadt des Uvurkhangai Aimag. Sowohl in nordsüdlicher, wie auch in ostwestlicher Ausrichtung liegt Arvaikheer nahezu in der Mitte der Mongolei.

Nach zwei Nächten auf viel zu kurzen, kaum gepolsterten Bretter-Betten und zwei Tagen «Katzenwäsche» (keine Duschen, dafür eine mit Wasser gefüllte Petflasche vor der Jurte als Waschgelegenheit), freuen wir uns heute wieder einmal auf ein Hotelzimmer mit einer richtigen Warmwasserdusche und Betten, wie wir sie auch bei uns kennen. Im Hotel Palace, wo wir nächtigen, gibt es sogar Internet und WLAN. Doch die Freude ist nur von kurzer Dauer. Internet und WLAN sind so schlecht, dass ich nur gerade ein paar Fotos auf meine Homepage laden kann. Alle weiteren Versuche scheitern laufend. Die nächste Gelegenheit werden wir erst wieder in Ulanbaatar - am Ende unserer Mongoleireise haben.

Der heutige Tag startet so strahlend blau, wie der gestrige zu Ende ging. Nach dem Frühstück gehen wir auf den Markt. Unsere Reiseführerin und Köchin Battuul muss sich für die nächsten vier Tage noch mit weiteren Lebensmitteln eindecken. In einer Metzgereihalle kauft sie für uns erneut Ziegenrippen zum Kochen bzw. braten. Ziegenfleisch ist erstaunlich schmackhaft. Nicht so intensiv im Geruch, wie Schaffleisch. Danach fahren wir von Arvaikheer alles Richtung Westen. Eigentlich haben wir heute nur gut die Hälfte der gestrigen Strecke zu bewältigen. Doch zeitlich brauchen wir letztlich fast so lange, wie am gestrigen Tag für 290 Kilometer. Die Strassen, sprich Alpwege, sind ausgesprochen schlecht. Mehrmals queren wir mit unserem Auto Bäche und kleinere Flüsse. Diese Wege halten Otog, diesen jungen Wilden, aber nicht davon ab, sein Auto immer wieder an dessen Belastungsgrenzen zu bringen. Als gefährlich erachten wir es zwar nicht gerade.  Doch mit seinem Fahrstil nimmt Otog äusserst wenig Rücksicht auf seine mitfahrenden Gäste. Für uns bedeutet dies letztlich wenig Fahr- und Reisekomfort. Zum Glück können wir unterwegs ab und zu aussteigen und uns die Füsse vertreten oder wie heute wieder einmal eine Nomadenfamilie besuchen. Eine Nomadenfamilie, welche Yaks hält und züchet und aus der Milch verschiedene Produkte, so u.a. Yoghurt herstellt. Die Yakmilch soll einen Fettgehalt von gegen 6% haben. Dies dürfte ungefähr dem Doppelten entsprechen, was wir von unserer Kuhmilch kennen. Wem Kuhmilch schmeckt, jedoch Yakmilch noch nicht kennt, dem würden wir unbedingt empfehlen, Yakmilch oder noch besser frisches Yakyoghurt zu probieren. Schmeckt super lecker!

Alle Nomadenfamilien, welche wir besuchen, sind äusserst gastfreundlich. Wir werden verköstigt, dürfen alles probieren und in der Regel auch alles fotografieren – inkl. den Nomaden selbst. Von dieser Nomadenfamilie nehmen wir gleich je ein grosses, gefülltes Gurkenglas mit Yakjoghurt auf unsere Weiterreise mit. Gegen 17.00 Uhr sind wir am Etappenziel Ulaanzutgalan angelangt. Ganz in der Nähe donnert ein Wasserfall auf mehreren Metern Breite 30 Meter in die Tiefe. Wir befinden uns hier im Orkhon-Tal, auf über 1800 Metern über Meer. Die Weiden sind relativ grün und satt. Das Tal und dessen Seitentäler werden links und rechts von gut 2'500 Meter hohen Bergen eingesäumt.  Speziell ist: Wo auf der Nordseite unserer Alpen die Baumgrenze bereits bei etwa 1800 m ü.M. aufhört, sind in dieser Gegend der Mongolei auch Berge mit 2'700 Metern noch bis zum Gipfel bewaldet. Wir begegnen grossen, frei laufenden Ziegen-, Schaf- und Pferdeherden. Würden in dieser weiten, fast menschenleeren Landschaft nicht ab und zu ein paar Jurten stehen oder Yakherden weiden, welche von Hirten auf Pferden oder «modern» mit dem Motorrad zusammengetrieben werden, wir kämen uns glatt in unseren Alpen vor. So ähnlich sieht die Landschaft hier aus. Das Wetter schlägt um. Es wird zusehends schlechter. Ausgerechnet jetzt, wo wir die nächsten beiden Tage geplant hatten, mit Yaks zu wandern. Flexibel, wie wir sind, übrigens auch unsere Organisation Explore Mongolia, stellen wir heute unser Programm um.

6. Sep, 2016

Autsch! Soeben habe ich mir meinen Kopf bereits zum zweiten Mal so ziemlich heftig am niedrigen Eingang unserer Jurte angeschlagen. Diese Türen sind etwas für Liliputaner, aber sicher nichts für ausgewachsene Europäer. Doch zum Glück trifft hier Holzkopf auf Holzrahmen. So geht wenigstens weder das Eine, noch das Andere in Brüche.

Seit Beginn unserer Mongoleireise haben wir bereits mehr als 1'000 km in Otogs Auto zurückgelegt. Wir gewöhnen uns langsam aber sicher an seinen Fahrstiel. Dennoch sind wir froh, hier bei den Dünen zwei Tage Fahrpause einlegen zu können. Mit dem Schaukeln sollte es aber noch lange nicht vorbei sein.

Zuerst fahren wir heute mittag in die Nähe der Dünen, wo wir bei einer Nomadenfamilie die nächsten zwei Tage leben werden. Mit Somia, einem 18jährigen Nachbarssohn (Enkel; bzw. Sohn des Bruders) machen wir heute und morgen zwei längere Kamelritte entlang der 180 km langen und mehrere hundert Meter hohen Dünenkette von Khongoriin Els. Es sind herrliche und äusserst gemütliche Ausritte. Doch als Reiten kann man dieses Kamel-Schaukeln doch eher schlecht bezeichnen. An den Passgang der Kamele und viel mehr noch an diese harten Sättel, was eigentlich nichts anderes, als zwei oder drei übereinanderliegende Kamelhaardecken sind, müssen wir uns erst noch gewöhnen.

Diese beiden Tage hier, fast in völliger Abgeschiedenheit – kaum zu glauben, dass es hier im Hochsommer viele Touristen geben soll und jetzt kaum noch welche da sind – geniessen wir so richtig. Die Nächte sind ähnlich hart, wie diese Kamelsättel. Denn die Betten in den Jurten dieser Nomaden sind nichts weiter als mit Laken überzogene und mit einer dünnen Decke bedeckte Bretter auf einem Bettgestell. Aber das macht uns nichts aus. Hauptsache, wir müssen diese Nächte nicht wie vorgesehen im Zelt verbringen.