3. Sep, 2016

In der Geierschlucht!

Die Nacht war sternenklar. Doch beim Aufstehen erwartet uns ein bewölkter Himmel, der dann aber zusehends auch der Sonne etwas Platz macht.

Wie jeden Tag starten wir gegen 9.00 Uhr. Von den Glühenden Felsen von Bayanzag, auf etwa 1280 Metern über Meer, weg in Richtung Südwesten zur Geierschlucht Yoliin Am. Die Gobi ist in diesem Teil der Mongolei recht flach und sehr karg. Die Sandwege sind häufig schnurgerade, flach und doch sehr tückisch. Auch heute bolzt Otog mit seinem Toyota wieder einmal was das Auto hergibt. Mitunter mit 90 Stundenkilometern. Wenn plötzlich ein Loch, eine tiefere Querrinne oder eine Kurve kommt, dann bremst er im letzten Moment scharf ab, sodass sein Landcruiser auf der Sandpiste ins Rutschen und Schlingern kommt und er ihn gerade noch knapp unter Kontrolle halten kann. Und wenn er dies dann, wie so oft, doch nicht schafft, dann kracht es halt oder er lässt das Auto einfach aus der Fahrrinne gleiten. Bei uns würde man sagen, von der Strasse abgekommen. Doch dies stellt hier glücklicherweise selten ein Problem dar. Denn alles ist eben. Und kein Baum oder ein anderes Hindernis steht im Weg. Auch fährt man hier mitunter 100 Kilometer ohne Gegenverkehr. Diesen Fahrstil kennen wir von Otog schon seit dem ersten Tag unserer Reise. Er wird sich wohl nie ändern. Im Provinzhauptort Dalandsadgad, ganz im Süden des Landes, kaufen wir für die nächsten Tage Lebensmittel ein. Dann fahren wir zum Naturpark Gobi Gurwan Saikhn, was auf deutsch soviel heisst, wie «Drei Schöne der Gobi». Auf den nächsten vierzig Kilometern steigt die Gobi unmerklich, aber stetig leicht an. Wir kommen zum Parkeingang. Meine GPS-Laufuhr zeigt bereits eine Höhe von 2'115 Metern an. Im Gobi Gurwan Saikhn befindet sich die Geierschlucht, wo es u.a. Bartgeier geben soll. In einem Naturmuseum am Parkeingang werden dem Besucher Präparate vieler im Park lebender Tiere präsentiert. So u.a. der seltene, vom Aussterben bedrohte Schneeleopard, mehrere Wölfe, einen Steinbock und verschiedene Vögel, wie den Bartgeier. Danach geht es in den Park hinein.

Nach hunderten von Kilometern Einöde tut sich dem Besucher plötzlich eine unglaublich tolle Gebirgslandschaft auf. Eine Landschaft, welche auch in unseren Alpen sein könnte. Hohe Berge, Felsen, tief eingeschnittene Täler und kleine Bachläufe und mehr oder weniger satte, grüne bis herbstlichgelbe Alpwiesen. Nach 10 Kilometern heisst es dann zu Fuss weitergehen oder auf ein anderes Fortbewegungsmittel umsteigen. Das Weideland ist durchsetzt von vielen kleinen Löchern. Bei uns in den Alpen wären dies vermutlich Murmeltierbehausungen. Hier in der Gobi sind es Steppen- und Kaninchen ähnliche Pfeifmäuse oder diese Wüstenmäuse (s. Bild), welche diese Löcher graben. Hoch über uns kreisen ein paar Bartgeier und mit unserem starken Tele können wir zwei junge Bartgeier auf einem Berggipfel ausmachen. Wir wandern insgesamt etwa vier Kilometer. Die etwas bequemeren Touristen – was vor allem Einheimische sein sollen, wie uns Battuul sagt, lassen sich mit Karren und vorgespannten Yaks oder auf dem Rücken von Pferden in die Geierschlucht bringen. Das Wetter hält sich ordentlich gut. Wolken und Sonne wechseln sich ab. Otog, ein richtiger Mongole, wie uns Battuul soeben beschrieben hat, kommt auch heute nicht auf die Wanderung mit. Er bleibt lieber bei seinem Auto und ruht sich aus. Am Abend fahren wir aus dem Park hinaus und schlagen auf einer Höhe von 2'200 m.ü.M. ein in unserem Auto mitgeführtes Zelt auf. Wobei aufstellen tun Marion und ich. Otog und Battuul ziehen es vor im Auto zu schlafen. Zum Abendessen kocht dann Battuul eine Art Mehlsuppe mit Ziegenfleisch. Dazu gibt es Kartoffeln, Karotten und Ziegenrippen zum Abnagen. Bin erstaunt, wie gut Ziegenfleisch schmeckt. Ein kalter Wind zieht auf. Die Temperaturen dürften gegen Nullgrad sinken. Wir ziehen uns ins Zelt zurück und schreiben noch diesen Bericht.