1. Sep, 2016

Der Kühler unseres Geländewagens verliert Wasser!

Das Wetter ist erneut wunderschön und wolkenlos. Endlich aufstehen! Die Nacht war definitiv kälter und anstrengender, als es meine alten Knochen lieben. Grund: Marion fühlte sich in der Jurte etwas stark eingeengt; konnte nicht schlafen und mich liess sie auch erst schlafen, als ich einwilligte, unsere Jurtentüre fast die ganze Nacht hindurch offenstehen zu lassen. Das wäre ja noch nicht das Schlimmste gewesen.  Weil Marion die Türen offen, aber dennoch nicht frieren wollte, beanspruchte sie von unserer gemeinsamen, eher knapp bemessenen Decke mindestens Zweidrittel. Den Rest könnt Ihr Euch denken. Mit so steifen Knochen kroch ich schon lange nicht mehr aus den Federn.

Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Spiegelei, Würstchen, Tomaten, Gurke und Butterbrot und dazu einem heissen Schwarztee, machen wir uns gegen 9 Uhr zu unserer zweiten Etappe auf - immer weiter in Richtung Süden - mit Ziel Gobi. Das Licht ist grandios. Die Gräser der Steppe leuchten hell- bis goldgelb und die, von Wind und Wetter abgewetzten und abgeschliffenen Felsen einer alten Gebirgskette, welche wir um 10.00 Uhr für eineinhalb Stunden durchwandern, werfen lange und magische Schatten. In den Felsen sehen wir mehrere Adlerhorste und hoch über den Felsen kreisen zwei grosse Steinadler. Otog bleibt einmal mehr bei seinem Auto. Weit und breit keine Touristen. Nur Battuul, Marion und ich unterwegs durch magische Felsentäler und auf Anhöhen mit einzigartigem Ausblick. Hier lebten im 16. Jahrhundert budhistische Mönche. Übrig geblieben aus dieser Zeit sind nur noch ein paar Klosterruinien und Höhlen. Dann fahren wir weiter. Wir müssen heute noch über 200 Kilometer zurücklegen. Nach rund 50 Kilometern verfährt sich Otog. Wir befinden uns in einer endlos weiten Steppe. Alles ist mehr oder weniger flach oder leicht hügelig. Keine Bäume und auch sonst keine Orientierungspunkte. Mit GPS ausgerüstet, fuhren Otog und Battuul, wie sich später herausstellen sollte, über viele Kilometer in eine falsche Richtung. Strassenschilder gibt es hier keine. Abzweigungen aber sehr wohl. Ohne GPS ist man hier hoffnungslos aufgeschmissen. Es sei denn, man ist ein Kind dieser Steppe. Otog und Battuul streiten sich kurz und heftig. Otog ist aufgebracht, weil Battuul, für die Navigation per Handy zuständig, ihn offenbar in eine falsche Richtung gelotst hatte. Doch der Sturm ist nur von kurzer Dauer. Kartenmaterial auf dem Handy neu beurteilen und dann kilometerlang querfeldein über die Steppe brettern, bis wir wieder eine "Strasse" finden ubnd dann in die richtige Richtung fahren. Das Fahren und vor allem das Mitfahren auf den hinteren Sitzen ist ermüdend. Wir versuchen ab und zu etwas zu schlafen. Gelingt uns aber nur sehr schlecht. Otog mit seiner rasanten Fahrweise und diese Karrwege, welche nicht nur holprig sind, sondern sich auch noch schlangenlinienartig durch die Steppe winden, lassen uns einfach nicht schlafen. Um 14 Uhr verzehren wir einen Lunch. Auf unserer Rundreise, wo wir jeden Tag Vollpension haben, ist Battuul dafür verantwortlich, dass wir auch unterwegs etwas zu beissen haben.

Rund 60 km vor unserem heutigen Etappenziel, d.h. irgendwo im Nirgendwo, passiert es dann. Der Kühler unseres Toyotas leckt. Innert zehn Minuten verlieren wir sämtliches Kühlwasser. Es sei wohl ein Stein gewesen, meint Battuul. Sie versucht uns zu beruhigen. Dies komme auf solchen Touren häufig vor. Ich wollte von ihr wissen, ob sie auch schon eine solche Panne hätten beheben müssen. Sie meinte nein. Sie sagt, mit dem richtigen Werkzeug, einem Spezialkleber, bzw. einer Klebemasse (eine Art Kitt), könne man diesen Schaden leicht beheben. Ich frage Battuul, ob sie  denn in ihrem Auto solches Reparaturmaterial mitführen würden.  Sie sagte nein. Während Otog den Schaden beäugt, kramt Battuul aus dem Auto eine Rolle Klebeband und einen alten, gebrauchten Kaugummi hervor. Ob man damit wirklich ein Leck in einem Kühler abdichten kann? Natürlich nicht, wie sich schon bald herausstellen sollte. Battuul arbeitet nur in den Sommermonaten für Explore Mongolia. In den übrigen Monaten verkauft sie Kleider, welche sie mit dem Zug in China ein- und in der Mongolei verkauft. Was wir in diesem Moment jedoch bräuchten, wäre einen Mechaniker mit richtigem Werkzeug. Wohl ahnend, dass die Antwort nicht gerade ermutigend ausfallen würde, frage ich Battuul dennoch etwas scheu, was denn Otog ausserhalb der Saison so alles arbeiten würde; bzw. was er früher einmal gearbeitet hat. Battuul sagt, Otog sei Handyverkäufer. Wenn das nur gut kommt?

Irgendwie schafft es dann Otog das Leck im Kühler halbwegs zu Stillstand zu bringen. Zumindest, so lange der Kühler nicht mit Wasser gefüllt war. Und - oh Schreck -  da führt der gute Mann in seinem Auto einen 10 Liter grossen Wasserkanister mit, der einzig dem Zwecke dient, darin Kühlwasser mitzuführen. Doch heute morgen vergass der grosse Junge diesen mit Wasser zu füllen. Mit den paar Tropfen, welche sich noch im Kanister befinden, kann er den Kühler nicht mehr genügend betanken. Trotzdem setzen wir die Fahrt fort. Das geht dann aber nur noch etwa fünf Kilometer gut. Dann leuchtet die Warnlampe im Auto dunkelrot auf. Der Motor droht zu überhitzen. Wir halten und steigen aus. Rund vier Kilometer linkerhand sehen wir eine Jurte. Otog und Battuul wollen mit dem Kanister zur Jurte laufen und Wasser besorgen. Nach einiger Zeit kommt Otog alleine zurück. Er deutet, wir sollen einsteigen. Er fahre uns zur Jurte, dort könne man uns helfen.

Und dann haben wir – unserer Panne sei Dank – das schönste Erlebnis des heutigen Tages. Ein älteres Nomaden-Ehepaar mit von Wind und Wetter dunkel gegerbter Haut, lädt uns zu sich ein. Wir trinken gegorene Stutenmilch – etwas säuerlich und für unsere Gaumen ziemlich gewöhnungsbedürftig, trinken Yoghurtwein und essen sauren, luftgetrockneten Quark, der ebenfalls säuerlich schmeckt, aber sehr viel Kalzium enthalten soll. Während wir uns mit dem Ehemann unterhalten – mit gütiger Unterstützung unserer Übersetzerin Battuul  – stampft die Ehefrau (s. Bild) Stutenmilch. So würden die Nomaden ihre gegorene Stutenmilch machen, erklärt uns Battuul. Zu guter Letzt hat der Nomade, der in dieser Abgeschiedenheit Selbstversorger ist, auch noch einen Zweikomponentenleim und das nötige Frischwasser zum  Auffüllen des Kühlers. Das hält nun bis zum nächsten Dorf, wo Otog das richtige Werkzeug für den Fall eines weiteren solchen Zwischenfalls kauft.