31. Aug, 2016

Battuul und Otog

Pünktlich um 9.00 Uhr werden wir von Battuul (Bild links) und Otog (rechts) mit deren Toyota Landcruiser im Hotel Alpha abgeholt. Battuul und Otog sind ein Paar. Battuul ist 29 und Otog 27 jährig. Explore Mongolia hat uns Battuul als unsere Reiseleiterin und Otog als unseren Fahrer zugeteilt. Während Battuul zwar kein hochstehendes, aber doch ein ansprechendes Deutsch spricht, versteht und spricht Otog gleich viel oder eben gleich wenig deutsch, wie wir mongolisch. Um uns mit Otog zu verständigen, brauchen wir daher entweder Battuul oder wie anderswo üblich, unsere Hände und Füsse. Spannend ist, Battuul und Otog haben sich vor einem Jahr in Linz kennengelernt. Beide haben gleichzeitig Verwandte, bzw. Freunde in Österreich besucht. Ihr Deutsch habe sie aber 2008 in Deutschland erlernt. In der Nähe von Mainz habe sie ein Jahr lang als Au Pair gearbeitet, erklärt uns Battuul. Es sei reiner Zufall gewesen, dass sie im Jahre 2011 beim Tourunternehmen Explore Mongolia vorbeigeschaut habe. Und weil sich das Unternehmen vorwiegend auf deutschsprachige Gäste ausrichtet und noch eine deutschsprachige Reiseleiterin suchte und ihre Deutschkenntnisse als genügend erachtet wurden, habe man sie damals bei Explore Mongolia eingestellt, so Battuul. So sei sie zu ihrem Job gekommen, den sie vorwiegend in den Sommermonaten Juni, Juli, August und teilweise auch noch im September ausübt. Seit diesem Sommer fährt sie zusammen mit Otog. Explore Mongolia und wie wir vermuten, auch alle anderen, hier ansässigen Tourunternehmen, verfügen über keine eigenen Fahrzeuge. Deshalb werden für die Touren stets Fahrer zusammen mit deren Fahrzeugen verpflichtet - ähnlich einem auf eigene Rechnung arbeitenden Taxifahrer.

Ihre ersten Gehversuche als Reiseleiterin machte Battuul noch zusammen mit versierten, älteren Fahrern. Eigens für diese Touren haben sich Battuul und Otog im Sommer 2016 einen etwas älteren Toyota Landcruiser angeschafft. Preis 7'000.00 Euro. Das Geld mussten sie sich von der Bank leihen.

Nachdem wir das Gepäck im Heck des geräumigen Geländewagens verstaut hatten, düsen wir also mit dem Paar los. Zuerst aus der stark frequentierten und verstopften Hauptstadt Ulanbaator wieder in Richtung Flughafen, wo uns vorgestern abend Dulgun, der Juniorchef von Explore Mongolia abgeholt hat;  am Flughafen vorbei und nach rund 30 Kilometern dann ab in die Pampa – genannt Steppe. Ab jetzt sollten wir für die nächsten 17 Tage nur nach ganz sporadisch etwas geteerte Strassen sehen. Und wenn, dann nur für wenige Kilometer im Einzugsbereich von grösseren Städten. A propos grössere Städte: Ausser der Millionenstadt Ulanbaatar gibt es in der ganzen Mongolei keine. In diesem Land, mit einer Fläche von 1,56 Million km2 (entspricht ca. 39x der Schweiz) leben nur gerade 3 Millionen Einwohner. Und allein 1 Million, oder 1/3 der gesamten Bevölkerung lebt in der Hauptstadt. Die restlichen 2 Millionen sind auf ein paar Provinzhauptstädte, kleinere Dörfer und im Land verstreute Nomadensiedlungen verteilt. D.h. wer, wie wir, die Mongolei bereist, der wird in erster Linie auf viel Steppe, Wüste vereinzelt Gebirgszüge und viele Schaf- und Ziegenherden, Pferde, Kühe und in der Wüste Gobi auch grosse Kamelherden treffen. Eintönig ist die Mongolei aber keineswegs. Um aber die Hotspots des Landes zu sehen, bzw. zu erreichen, ist man auf relativ strapaziöse und sehr lange Autofahrten angewiesen. Und das bekommen wir schon am ersten Tag zu spüren. Wenn hinter der Hauptstadt die geteerte Strasse aufhört, dann geht diese Strasse nicht etwa in eine bewirtschaftete Naturstrasse über, wie man sie bei uns in den Bergen oder z.B. vom australischen Outback kennen. Nein, diese – ich nenne sie einfachheitshalber Alpwege – entstanden ganz simpel dadurch, dass irgend jemand mit einem Auto übers Land fuhr und dann später andere seinen Spuren folgten. Und weil dabei vermutlich nicht immer alle besonders nüchtern gewesen sein dürften als sie als erste diese Spur zogen (anders lässt sich dies kaum erklären), ziehen sich viele Fahr- und Karrwege  – wo nota bene – mitunter auf dutzenden, wenn nicht sogar auf hunderten von Kilometern alles topfeben ist, schlangenlinienartig durch Steppe und Wüste.

Und an dieser Stelle kommt nun Otog ins Spiel. Mit Otog haben wir einen Fahrer bekommen, der sein Auto wie ein Spielzeug behandelt und wohl lieber Rallye-, als Touristenfahrer geworden wäre. So schont Otog weder sein Auto, noch seine Gäste auf der Rückbank.  

Wir sind froh, um 13.00 Uhr das Gebirge Zorgol Khairkhan, einen malerischen, aus der flachen Landschaft aufsteigenden Gebirgszug zu erreichen. Hier machen wir unsere erste Mittagspause. Zuvor will Battuul aber noch mit uns diesen Berg besteigen. Wir würden dafür etwa eine Stunde brauchen, meint sie. Bei Battuul dauert im Übrigen fast Alles immer etwa eine Stunde, wie wir auch die nächsten Tage feststellen sollten. Wir meinen, um diesen mindestens 700 m aus der Steppe ragenden Berg (ein Fels von einem Berg) zu erklimmen, bräuchte man bei gut ausgebautem Weg mindestens zwei und nicht nur eine Stunde. Doch wir ziehen brav unsere Wanderschuhe an – Battuul belässt es bei ihren flachen, profillosen Turnschuhen. Ob das gut geht? Dann also los. Dieser Zorgol Khairkhan besteht praktisch nur aus mehr oder weniger steilen Felspartien, welche nach ein paar hundert Metern in senkrechte Felstürme und ins reine Klettern übergehen. Battuul schreitet durch Gestrüpp und Felsen zügig voran. Einen Weg sehen wir keinen. Und offenbar gibt es da auch keinen, wie wir später erfahren. Als wir dann die ersten Felsen förmlich erklettern, frage ich Battuul so beiläufig, ob sie diesen «Weg» auch schon mal gegangen sei. Nein meint sie. Sie sei zum ersten Mal hier. Nun klingeln bei uns bereits das erste Mal die Alarmglocken. Bevor wir uns irgendwo in irgendwelchen Felsen versteigen und weder vor noch zurück können, sagen wir nicht nur zu unserem, sondern auch zum Schutze von Battuul: «Lieben Dank Battuul, wir haben genug gesehen.» Dann klettern wir, noch mühsamer als den Berg hoch, diesen wieder hinunter. Zum Auto, bzw. dorthin, wo Otog, der nicht gerne wandert, seine freie Zeit verbringt.

Nach anstrengenden 250 Kilometern, davon etwa 220 Kilometer auf nicht asphaltierten holprigen, mit Schlaglöchern übersäten Karrwegen, erreichen wir schliesslich unser erstes Etappenziel «Baga Gadsriin Tschuluu» - und das unbeschadet. Zum ersten Mal schlafen wir diese Nacht in einem mongolisch-nomadischen Touristenhotel – genannte Jurtencamp.