16. Sep, 2016

Jurten und Nomaden

Nicht jeder der in einer Jurte wohnt, ist zwingend ein Nomade. Es sei denn, man zähle die 500'000 Touristen, welche jedes Jahr die Mongolei bereisen und meist auch in Jurten schlafen, ebenfalls zur Spezies der Nomaden. Doch wer weiss, vielleicht sind wir (Marion und ich) wiedergeborene Nomaden. Denn unsere Reisegewohnheiten könnte man ein Stückweit auch als nomadisch bezeichnen.

Gewiss ist, die Nomaden der Mongolei bewohnen seit Jahrhunderten diese so typischen, igluartigen, mit Stoff bezogenen, runden Behausungen, genannt Jurten. Aus simplen ziehharmonikaartigen Gartenzäunen à la Hornbach wird der Aufbau / das Rund einer Jurte gebildet. Die Grösse einer Jurte bestimmt sich anhand der Anzahl dieser Ziehgeflechte. Für eine Jurte braucht es mindestens drei Geflechte. Viele Jurten bestehen indes aus 5 bis 6 solcher.  Beim Jurteneingang, der immer in Richtung Süden ausgerichtet ist, wird vom Boden bis Oberkant Holzgeflecht ein Türrahmen, sowie eine Türe eingepasst. Das Dach wird in der Mitte der Jurte mit zwei oder vier etwa 2,5 Meter langen Holzpfosten abgestützt. Das Dach selber besteht aus einem wagenradähnlichen Gebilde. Vom «Wagenrad» gehen dann eine Vielzahl von Abstrebungen hinunter auf den Holzzaun. Zuletzt wird das Ganze mit Isolationsmatten und Stoff eingepackt – und fertig ist die Jurte. (Von mir etwas vereinfacht und laienhaft beschrieben. Bin halt weder Nomade, noch Architekt).

 

Übernachtungen in Jurten

In der Mongolei unterscheidet man grob 3 Arten von Jurtenübernachtungen.  A. Jurtencamps  B. Extra Ger und C. Jurtenübernachtungen bei den Nomaden.

 

Jurtencamps

Jurtencamps verfügen meist über 20 oder mehr, schön in Reihen aufgebaute, mit dem Eingang stets nach Süden gerichteten Jurten. Hinzu kommen Ökonomiegebäude aus Holz oder Stein mit Restaurant, Aufenthaltsmöglichkeiten, sowie einer Vielzahl an Toiletten, Waschmöglichkeiten, sowie Kalt- und Warmwasserduschen. Eine Übernachtung in einem  Jurtencamp beinhaltet im Normalfall einerseits ein Frühstück und andererseits meist auch ein Abendessen (Halbpension). Die Jurtencamps sind so etwas wie die Hotels unter den Jurten. Jurtencamps unterscheiden sich von anderen Jurtenübernachtungen dahingehend, dass Jurtencamps praktisch ausnahmslos über Strom verfügen. Jede einzelne Jurte ist mit einer elektrischen Glühbirne sowie mindestens einer Steckdose ausgestattet. Auf einer Mongoleireise können Übernachtungen in Jurtencamps wichtig sein, wenn es darum geht, Batterien bzw. Akkus aufzuladen.  

 

Extra Ger

Als Extra Ger bezeichnet man eine Vielzahl von Jurten (meist mindestens 10 bis 20 Jurten), welche an touristischen Hotspots aufgestellt sind. Häufig verfügen lokale Tourorganisationen, wie z.B. Explore Mongolia, über Extra Gers. Diese sind dann nur für eigene Gäste bestimmt. Die Besonderheit: Extra Gers besitzen keine Ökonomiegebäude und auch keine Restaurants. Gekocht und gegessen wird in der Regel in einer speziell dafür bestimmten Jurte. Das Essen muss jeder, bzw. jede Gruppe selber mitbringen. In der Mitte einer jeden Jurte – übrigens auch bei den Jurtencamps, wie auch bei den Jurten der Nomaden – steht ein kleiner Holzofen aus Eisen von dem ein langes Ofenrohr durch das Dach der Jurte ins Freie führt. So ein Ofen dient einerseits als Kochherd und andererseits als Heizung. Des weiteren sucht man in den Extra Gers vergebens nach Steckdosen. Und die sanitären Einrichtungen fallen bedeutend einfacher aus, als in den Jurtencamps. So kann es sein, dass es in einem Extra Ger entweder gar kein Warmwasser gibt oder dieses nur für eine beschränkte Zeit am Tag verfügbar ist. Dann nämlich, wenn das heisse Wasser durch Solarstrom oder einen Generator erzeugt wird. Das Wasser der Extra Gers stammt in der Regel aus einem nahegelegenen Brunnen oder Bach. Extra Gers könnte man bei uns mit einfachen Herbergen oder Alphütten vergleichen.

 

Jurtenübernachtungen bei den Nomaden

Jurtenübernachtungen bei Nomaden ist mit Abstand die primitivste aller drei Jurtenübernachtungsarten. Kein Strom; in der Regel keine Duschen; gewaschen wird mit kaltem Wasser aus einem Kübel oder einer Petflasche. Die Betten sind häufig kaum mehr als 1,7 Meter lang und relativ schmal. Weiter bestehen die Betten aus einem Holzbrett auf einem Bettgestell, welches mit einem dünnen Laken bezogen und bestenfalls leicht gepolstert ist. Als Decke dient eine einfache - eine Art gesteppte - Decke. Geheizt und gekocht wird ebenfalls mit einem kleinen Ofen in der Mitte der Jurte. Diese Art der Übernachtung könnte man als sehr einfache Übernachtung auf einer Alp bezeichnen. Im Gegensatz zu den beiden anderen Übernachtungsarten bekommt man aber hier eine Art «Familienanschluss». Und genau das macht den ganz besonderen Reiz von Jurtenübernachtungen bei Nomaden aus. Doch ohne Dolmetscher geht hier so gut, wie gar nichts. Denn so wenig wie der Durchschnittseuropäer mongolisch versteht und spricht, sprechen Mongolen – und schon gar nicht Nomaden – irgendeine Fremdsprache. Auf jeden Fall keine, welche bei uns in Europa gesprochen wird. (Ausnahme: allenfalls russisch).

 

Das Nomadenleben

Von den drei Millionen Mongolen sind gut 700'000 oder knapp 25% Nomaden. Jede Nomadenfamilie lebt in der Regel alleine für sich. D.h. die Nomaden bilden keine grösseren Gemeinschaften. So stehen ihre weissen oder hellgrauen Jurten weit auseinander und kilometerweit übers Land verstreut. Nomaden der Mongolei ziehen in der Regel ein- bis zweimal pro Jahr weiter. D.h. in aller Regel einmal vom Winter- ins Sommerquartier und zurück. Die Distanzen dazwischen können durchaus 60 bis 80 Kilometer betragen. Für das Aufstellen, bzw. Abbrechen und Zusammenpacken einer Jurte braucht es zwei Männer (Jurten auf- und abbauen ist Männersache). Geübte Männer stellen eine Jurte in gerade mal einer Stunde auf. Frauen machen den Haushalt, melken Kühe, Stuten und Kamele, kochen und verarbeiten die Milch oder teilweise auch die Wolle der Schafe, der Ziegen und der Yaks. Die Männer sind eher draussen bei ihren Herden. Speziell: In der Mongolei, einem Land mit 1,56 Millionen Quadradkilometern, was ungefähr 39 Mal der Schweiz entspricht, leben 3 Millionen Mongolen und rund 60 Millionen (20 x mehr) Nutztiere, wie Schafe, Ziegen, Yaks, Kühe, Pferde und Kamele. Von den drei Millionen Einwohnern lebt eine Million in der Hauptstadt Ulanbaatar. Verteilt man die gesamte mongolische Bevölkerung auf die Grösse des Landes, so trifft es etwa zwei Mongolen auf einen Quadratkilometer. Ohne die Stadtmenschen in Ulanbaatar wären es sogar nur ein Einwohner pro km2. Als Vergleich: In der Schweiz leben ungefähr 200 Menschen auf einen km2. Abgesehen von den harten Lebensbedingungen, strenge, bis zu minus 40 Grad kalte Winter, gefolgt von trockenen und heissen Sommern mit eher wenig Niederschlägen und einer vielfach kargen Vegetation, geniessen die Viehherden viel Bewegungsfreiheit ohne Zäune.  Alle Herden wandern ähnlich, wie deren Halter.  Morgens, nachdem sie am Abend zuvor zurückgetrieben und gemolken wurden, wandern sie von den Jurten los. Dorthin, wo es die besten Gräser und Kräuter gibt; treffen und vermischen sich mit anderen Herden – Schafe mit Ziegen, Kühen, Yaks und Pferden buntgemischt und abends werden sie dann von den Herdenbesitzern wieder über viele Kilometer zurückgetrieben. Die «altmodischen» Hirten verrichten diese Arbeit vom Rücken eines Pferdes oder Kamels, manchmal begleitet von Hunden. Und die «modernen» Hirten treiben ihre Herden aus dem Sattel von Motorrädern - ohne Hundegebell, dafür mit lautem Hupen. Ein ziemlich witziges und kurioses Bild. Tradition trifft auf Moderne! Dieses Hin- und Herwandern grosser Herden und das Hin- und Hertreiben der Herden durch die Nomaden wiederholt sich Tag für Tag bei jedem Wetter. An heissen Sommertagen genauso, wie an eisigkalten Wintertagen.  

 

Fazit:

Das Nomadenleben und die verschiedenen sehr herzlichen Begegnungen mit Nomaden haben uns stark beeindruckt. Wir trafen immer auf offene Türen und auf äusserst gastfreundliche Menschen. Mit von Wind und Wetter gegerbten, braunen Gesichtern erzählten sie uns voller Stolz über ihr Leben. Und das Wenige, das sie besassen, haben sie immer mit uns geteilt. Wir durften Yakmilch, Milchtee, gegorene Stutenmilch und Yoghurtschnaps trinken und Yakyoghurt und getrockneten, säuerlich riechenden Quark essen, soviel wir wollten. Und zum Schluss haben uns die Nomaden davon meist immer noch etwas als Wegzehr mitgegeben. Mit diesem, nicht mehr ganz jungen Nomaden (s. Foto) habe ich «Schere, Stein, Papier» auf nomadisch gespielt. Lustig war’s. Hab’ mehrfach gewonnen, obwohl ich die Spielregeln gar nie wirklich begriff. Kunststück, nach der dritten Tasse Yoghurtschnaps!

Sich für ihre Gastfreundschaft mit Geld bedanken, wäre für Nomaden eine grosse Beleidigung. Doch man darf einen kleineren oder auch grösseren Geldschein als Opfer beim Altar hinlegen (in jeder Jurte einer Nomadenfamilie steht immer jeweils am Nordende der Jurte, direkt dem Eingang gegenüber ein Altar / s. Foto links des Nomaden). Mit diesem Geldschein bittet man die Götter, sie mögen einem auf der Weiterreise wohl gesinnt sein und beschützen. Von Battuul, unserer Reiseleiterin, wollten wir später aber doch noch genauer wissen, was mit unserem beim Altar zurückgelassenen Geld wirklich passiert. Sie sagte uns, nachdem wir gegangen seien, würden die Nomaden das geopferte Geld für eigene Zwecke verwenden. Wären ja blöd, wenn nicht. Würden wir ja vermutlich auch so machen, denke ich mir.