17. Okt, 2016

Wie im Märchenland

Es gibt sie also doch!

Lang, schmal und spitz oder lang, schmal und oben etwas abgerundet. Schon als Kind habe ich sie so gezeichnet. Sie reichten vom unteren, bis fast an den oberen Papierrand - meine ersten Berge. Und hier stehen sie genau so. Zu Hunderten, wie im Märchenland. Als ob es überdimensionierte Schopftintlinge oder Parasolpilze wären, welche ihre Schirme noch nicht geöffnet haben. Ein bizarres und auf der Welt in dieser Art wohl einmaliges Karstgebirge. Wir befinden uns zwischen Guilin und Yangzhou.

Nachdem gestern ein Reisetag mit zwei Flügen - einmal von Shangrila nach Kunming über tiefverschneites Hochgebirge und einmal von Kunming ins Tiefland nach Guilin - auf dem Programm standen, geniessen wir heute eine Fahrt auf dem Li-River. Eine Flussfahrt auf dem Li-River zwischen Guilin und Yangzhou gilt mit Recht als eine der schönsten weltweit. Je nach Wasserstand des Li-Rivers dauert die Fahrt zwischen vier und fünf Stunden. Nach dem vielen Wasser, welches der Yangtse aktuell führt, sind wir über das Niedrigwasser des Li-Rivers erstaunt. 

Das Klima ist feuchtwarm. Die Sonne scheint und es ist nur leicht bewölkt. Als wir kurz vor unserer Abfahrt an Bord gehen, dürften die Temperaturen bereits bei etwa 23 Grad liegen. Um 09.00 Uhr legen dann wie auf Kommando rund zwei Dutzend grosser Touristenboote los. Konvoiartig schippern wir auf dem äusserst gemächlich dahin-fliessenden Li-River von Guilin nach Yangzhou. Obwohl die grossen Touristenboote praktisch keinen Tiefgang haben, scheuert unser Boot mit seinem Rumpf mehrere Male über den steinigen Grund. Vorsichtiges und mitunter langsames Fahren ist angesagt. Dies gibt uns die Gelegenheit, die aussergewöhnliche Fels- und Gebirgslandschaft nicht nur während vier, sondern deren gut fünf Stunden zu geniessen. Hinter Bambuswäldern versteckt, fahren wir an einzelnen wenigen Dörfern vorbei. Im Fluss sehen wir keine Menschen, sondern Wasserbüffel baden. Und Touristen und Ware werden flussauf- und -abwärts mit einfachsten, aus ein paar Kunsstoffrohren zusammengebauten Kleinbooten transportiert.

Und dann diese Felsen und Berge. Wie aus dem Boden geschossen oder einfach in die Landschaft gepflanzt, sehen sie aus. Einzelne fast kahl, die meisten aber bis zum Gipfel bewachsen. Kurz nach dem Mittagessen erreichen wir gegen 14.00 Uhr Yangzhou. Mit einem Taxi lassen wir uns zu unserer nächsten Unterkunft, dem Mountain Retreat Hotel, fahren. Auf unsere Unterkünfte sind wir jedesmal gespannt. In den Städten hatten wir durchwegs grosse Hotelkästen. So auch in Guilin. Für die kommenden zwei Nächte logieren wir nun in einem Hotel, einer kleinen, beschaulichen Ferienanlage gleich. Das Mountain Retreat Hotel liegt unmittelbar am idyllischen Dragon River, umrahmt von Karstfelsen, wie wir sie schon auf der Flussfahrt gesehen haben. Seit heute Mittag wird der blaue Himmel zwar vermehrt von Wolken bedeckt. Doch heute Abend reisst der Himmel nochmals etwas auf und taucht die ganze Landschaft in ein oranges bis dunkelrotes Licht. Abendessen tun wir draussen. Es ist mild und die Landschaft wild und gleichzeitig romantisch.

Wir befinden uns gerademal noch auf 125 Metern über Meer. Morgen haben wir wieder einmal einen "programmfreien" Tag. Mal schauen, wozu wir diesen nutzen wollen.