4. Okt, 2016

Ein Bilderbuchtag am Namtso-See!

In der Nacht hat es zweimal äusserst heftig geregnet. Das zweite Mal entlud sich über dem Namtso-See gegen 5.30 Uhr ein starkes Gewitter. Dabei schlug der Blitz gleich mehrfach ganz in der Nähe, vermutlich direkt im See, ein. Es regnete wie aus Kübeln. Solche Sachen registriert man am besten, wenn man ohnehin nicht schlafen kann. Normalerweise habe ich einen gesunden Schlaf. Doch diese Höhe und die dünne Luft lässt manch’ eine Schlafmütze wie mich, wach bleiben.

An die Höhe bestens angepasst, seien die Tibeter. Im Laufe von Generationen hätten die Tibeter ein besonderes Gen entwickelt, welches ihnen ein Leben in grosser Höhe ermöglichen würde, ohne dabei gesundheitliche Probleme zu bekommen, erklärt uns unser Reiseführer. So würden Tibeter noch auf Höhen von gegen 6'000 Metern leben können. Umgekehrt bekämen Tibeter gesundheitliche Probleme, wenn sie ins Tiefland zögen, erklärt er uns. Zwar habe ich schon länger vermutet, dass Bergvölker, wie z.B. die auf knapp 4'000 Metern im peruanischen und bolivianischen Altiplano lebenden Indios eine besondere Anpassungsfähigkeit an die Höhe haben auf der sie leben. Doch, dass dies wie bei den Tibetern, über Generationen sogar zu Gen-Veränderungen führt, war mir neu.  

Längere Zeit auf Höhen von gegen 5'000 Metern zu verbringen, mag zwar zu einer gewissen Akklimatisation führen. Für uns Flachland-Indianer und auch für alle ins tibetische Hochland ziehenden Chinesen führt dies jedoch über kurz oder lang zu Gesundheitsschäden. Wird doch der Körper gezwungen, stets mit einem Sauerstoffdefizit zurechtzukommen. Um einen solchen Zustand erleben zu können, muss man sich nicht einmal in grosse Höhen begeben. Einen ähnlichen Effekt kann man ganz einfach auch im Sport erzeugen. Ausdauersportler unter Euch wissen nur allzugut, wovon ich rede.

Wie viele andere Gäste, wollen auch wir heute morgen auf den Felsen hinter uns steigen und den Sonnenaufgang beobachten. Dieser soll so gegen 07.30 Uhr sein, sagt man uns. Habe den Wecker vorsichtshalber auf 6.00 Uhr gerichtet. Nach dem heftigen Gewitter letzte Nacht rechne ich jedoch nicht ernsthaft damit, dass wir heute auch nur einen einzigen Sonnenstrahl zu Gesicht bekommen. Um 06.15 Uhr ziehe ich mich dennoch kurz an und schaue raus und staune. Es hat geschneit. Jedoch nicht viel. Doch Alles ist in eine weisse Pracht verwandelt. Kann zwar noch nicht viel sehen. Denn es ist immer noch stockdunkel. Und es schneit weiterhin ganz leicht. Sterne oder einen klaren Himmel suche ich vergebens. Also lege ich mich wieder schlafen. Nein, schlafen geht ja immer noch nicht. Und bei Marion genau so wenig, wie sie mir soeben sagt. Vorsichtshalber richte ich den Wecker nochmals. Und diesmal auf 07.00 Uhr. Kurz nach 7.00 Uhr stehe ich wieder auf. Ausser Schneefall und schlechtem Wetter erwarte ich gar Nichts. Doch oh Wunder. Der Himmel ist klar und nahezu wolkenlos. Und den Felsen hoch hat sich bereits eine grosse Schlange von unter Schlafmangel leidenden Schaulustigen, Fotografen und Natur-freunden gebildet.

Ich wecke die bereits wache Marion, nehme meine gestern abend vorsorglich und fein säuberlich gepackte Fotoausrüstung und eile in die Winterlandschaft hinaus.  Früher wäre ich auf einen solchen Felsen locker hochgejoggt. Doch heute, mit einigen Pfunden zuviel auf den Rippen und mit dieser dünnen Luft, bleibt mir die Luft weg, bevor ich überhaupt an Eile denken kann. Den Sonnenaufgang oder das was übrigbleibt, wenn die Sonne ausgerechnet hinter der einzigen, grossen Wolke am Himmel aufgeht, erlebe ich dann zusammen mit einer Schar Frühaufstehern und Marion, welche es auch noch geschafft hat, schliesslich immer noch rechtzeitig. Der Blick über den riesigen Namtso und im Hintergrund der tiefverschneite und teilweise vergletscherte Nyenchen-Tanglha-Gebirgszug mit dem 7'127 Meter hohen Nyenchen Tanglha ist im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend. Nach dem Frühstück machen wir dann nochmals Spaziergänge auf dem nun verschneiten Strand des Namtso. Es bieten sich unheimlich schöne Fotomotive. Weil sich der Namtso heute, im Gegensatz zu noch gestern, von der extrem ruhigen Seite zeigt, spiegeln sich Berge, Wolken aber auch alle spazierenden Touristen wunderbar im Wasser.

Während viele, welche in Gruppen und mit Bussen angereist sind, deren Rückreise bereits angetreten haben, können wir als Individualreisende mit eigenem Fahrer und privatem Reiseführer selber bestimmen, wann wir zurückfahren wollen. Gegen 11.00 Uhr treten auch wir dann unsere Rückreise an. Zurück auf eine «angenehme» Höhe von 3'700 Metern über Meer. Wir geniessen es, nochmals für zwei Nächte im 4-Sterne-Hotel Lhasa-Tsedang einchecken zu können. Morgen haben wir einen «programmfreien» Tag zum Ausschlafen, Ausspannen und Berichte schreiben. Übermorgen heisst es Abschied nehmen von einem in verschiedener Hinsicht beeindruckenden Tibet. Uns zieht es weiter in Richtung Chengdu.