2. Okt, 2016

Buddhismus - mehr als nur eine Weltreligion?!

Nach drei Tagen Lhasa, mit dem Besuch von zwei Palästen und vier Klöstern, ist unser Bedarf an buddhistischer und tibetischer Kultur reichlich gedeckt. Wir wissen nun, dass der jetzige, in Indien im Exil lebende Dalai Lama der 14. ist. Auch wissen wir, wie seine 13 Vor-gänger lebten und wo und wie sie bestattet wurden. Gleichzeitig haben wir erfahren, dass es ähnlich dem Christen-tum, sowie anderen Weltreligionen, es nicht nur eine buddhistische Lehre, sondern ganz verschiedene buddhistische Ausrichtungen gibt. So kennt der Buddhismus u.a. die Rotmützen, die Schwarzmützen und die im Tibet und besonders auch in den grossen Klöstern Lhasas stark verbreiteten und eher konservativ ausgerichteten Gelbmützen. Einfach zusammengefasst, glauben die Buddhisten an die Reinkarnataion, sprich Wiedergeburt. Und zwar nicht nur an eine, sondern gleich an tausend Wiedergeburten. So bedeutet den Buddhisten ihr jetziges Erdendasein nichts weiter als eine Stufe auf einer Treppe himmel- oder auch höllwärts. Wer in seinem Leben viel Gutes tut, viel betet und Pilgerreisen zu den heiligen Stätten macht, der erarbeitet sich im nächsten Leben eine höhere Stufe. 

Übrigens: die buddhistische Lehre stammt ursprünglich aus Indien. Im 7. Jahrhundert nach Chr. sei der Buddhismus über Nepal in den Tibet gekommen, sagt uns unser Reiseführer.

Ganz spannend finde ich, welche Form der Bestattung der Buddhismus kennt. So werden die höchsten Lamas - die Dalai Lamas - mumifiziert und in äusserst prunkvolle, goldene und mit Edelsteinen verzierte Sarkophage gelegt. Die etwas tiefer gestellten Lamas, z.B. Gelehrte und Oberhäupter von Klöstern, werden kremiert und die Urne in einer reich verzierten Stupa beigesetzt. Stupas sehen aus, wie der Spitz eines Kirchen-Zwibel-Turms (s. Fotoarchiv). Nachdem ein Lama in einer Stupa beigesetzt wurde, nennt man diese Stupa nicht mehr Stupa, sondern einfach Grab, erklärt uns unser Reiseführer.

Und wie wird das einfache Fussvolk bestattet?

Die Buddhisten, zumindest die im Tibet lebenden Buddhisten, kennen drei Formen der Bestattung. Die Luftbestattung, die Wasserbestattung und die Erdbestattung. Bei der Luft- und Wasserbestattung werden die Leichname zerkleinert und an ganz bestimmten Stellen den Adlern (bei der Luft-) und den Fischen (bei der Wasserbestattung) zum Fressen gereicht. Die Buddhisten glauben, diese Tiere würden ihnen auf dem Weg der Reinkarnation helfen höhere Stufen zu erklimmen. Die Form der Erdbestattung werde nur bei schlechten und kriminellen Menschen angewendet, sagt man uns. Die Buddhisten glauben nämlich, bei erdbestatteten Menschen würde die Reinkarnation gestoppt. D.h. diese Menschen sind dann gewissermassen für immer verloren. Schöne Aussichten! Wenn Letzteres wirklich so ist, dann würden auf der Erde irgendeinmal nur noch gute und friedliebende Menschen leben.

Und noch etwas hat mich stark beeindruckt. Der Buddhismus in seiner ganzen Ausrichtung dürfte wohl die friedlichste Religion sein, welche unsere Welt kennt. So ist der Buddhismus nicht bloss eine Weltreligion, sondern vielmehr eine Lebensphilosophie. Sie zeigt dem Menschen auf, wie er mit Gutem tun im Leben Glück, Zufriedenheit und Gesundheit erlangen kann und was er tun muss, um im nächsten Leben eine höhere Stufe zu erreichen. Meine Vermutung ist, ein Volk wie die Tibeter, welches den Buddhismus religiös, als auch politisch stark verankert hat und lebt, immer sehr gefährdet ist, von einem anderen Staat eingenommen zu werden.

Ich meine, der Buddhismus als Religion und Lebensphilosophie ist faszinierend. Und zwar durchaus auch für Andersgläubige! Dennoch würde es reichen, wenn man innert drei Tagen ein paar und nicht gleich mehrere Tausend Buddhastatuen und Gelehrten-(Lama-)figuren zu besichtigen hat. Denn Fakt ist, jeder Palast und jedes grössere Kloster in Lhasa verfügt über Hunderte, wenn nicht sogar über Tausende solcher figürlicher Darstellungen. Und dies in allen Grössen und Formen; häufig aus Gold oder zumindest vergoldet.