1. Okt, 2016

Spuren der Kulturrevolution

Es hat sie schwer getroffen - die Tibeter. Zuerst die Besetzung ihres Landes durch die Chinesen im Jahre 1950 und danach die Kulturrevolution bei der die Kommunisten Chinas von 1960 bis 1970 ihre wertvollsten Kulturgüter - wie Klöster und Tempelanlagen - dem Erdboden gleichmachten. Ein ähnliches Schicksal ereilte die Mongolei bereits in den 30er Jahren, als die Kommunisten Russlands in der Mongolei eine Schneise der Zerstörung hinterliessen. Während in der Mongolei noch heute sehr Vieles zerstört ist, bzw. Mangels Geld nicht mehr aufgebaut wird, muss man den Chinesen zu Gute halten, dass sie in der heutigen "autonomen" Provinz Tibet - insbesondere in Lhasa und Umgebung - ab den 90er Jahren alle grossen und wichtigen Tempelanlagen und Klöster wieder originalgetreu aufgebaut haben. Die äusseren Spuren der Kulturrevolution wurden dadurch beseitigt. Geheilt war damit aber noch lange nichts.

Seit fünf Tagen bereisen wir nun den Tibet mit Schwergewicht Lhasa, dem einstigen religiösen, wirtschaftlichen und politischen Zentrum Tibets. Wir haben das Glück mit einem ausgezeichneten Reiseführer, einem Tibeter, unterwegs zu sein. Über Gegenwartspolitik sprechen wir nicht. Angesichts der politischen Situation ist dies wohl auch klug so - und zwar für beide Seiten. Und trotzdem, das was wir zu sehen und zu hören bekommen, stimmt uns nachdenklich. So fragen wir uns: Wieso wird die Provinz Tibet von den Chinesen als autonome Provinz bezeichnet? Kommt man doch in den Tibet nur mit einer Sondergenehmigung und zwar ausgestellt vom offiziellen China. Hat man die Hürde und die Einreise in den Tibet einmal geschafft, wird man - Einheimische und Ausländer gleichermassen - regelmässig auf den Strassen durch Polizei und Militär kontrolliert. Als Ausländer ist man angehalten, Ausweise, wie Pass, Visa und Sondergenehmigung immer auf sich zu tragen. Auffallend ist, im sogenannt autonomen Tibet wird die Polizeigewalt nicht etwa durch Tibeter, sondern ausschliesslich durch Chinesen ausgeübt. Woran erkennt man das? Im Gegensatz zu den Tibetern haben Chinesen eine helle, fast weisse Haut. Auch ist bei den Tibetern in der Regel die Kopfform etwas länglicher und schmaler, als bei den Han-Chinesen. Wenn man also Polizisten begegnet, welche weisshäutig sind, dann darf man getrost davon ausgehen, dass es sich dabei um Chinesen und nicht um Tibeter handelt.

1990 lebten in Lhasa noch rund 20'000 Einwohner. Und zwar mehrheitlich Tibeter. Touristen, welche in den 90er Jahren Lhasa bereist haben, würden diese Stadt kaum noch erkennen. Denn heute, 26 Jahre später, leben bereits 540'000 Menschen in Lhasa. Tendenz klar steigend. Dabei stellen heute die Han-Chinesen mit Abstand die Mehrheit der Bevölkerung Lhasas. Das Stadtzentrum sei praktisch ausschliesslich den Chinesen vorbehalten, bestätigt uns unser Reiseführer. Die Tibeter würden am Stadtrand und in den umliegenden Dörfern wohnen. Bis in den 80er Jahren habe er mit seinen Eltern am Fusse des Potalapalastes gelebt, sagt uns unser Reiseführer. Weil dies der chinesischen Regierung nicht mehr passte, bzw. dort Museen geplant waren, mussten die Tibeter (viele Familien) ihren Platz räumen. Sie wurden - wie man auf chinesisch sagen würde - umgesiedelt. Auffallend ist auch welche Berufe hier die Chinesen und welche die Tibeter ausüben. Die schönen und teuren Geschäfte in der Stadt werden von Chinesen geführt. Die einfachen Strassenverkäufer hingegen sind Tibeter. Die Strassen, die Eisenbahnstrecken und die vielen, riesigen Wohnsiedlungen werden von reichen und gebildeten Chinesen geplant und finanziert. Die Schwerarbeit jedoch wird von den Tibetern verrichtet, bestätigt uns unser Reiseführer. (Wir nennen hier seinen Namen ganz bewusst nicht). Von Löhnen und Lohngleichheit müssen wir gar nicht erst reden. Wenn wir all' das betrachten und zusammenzählen, dann erscheinen uns Tibeter in ihrem eigenen Land als Gastarbeiter zweiter Klasse.

Gleichzeitig erwecken die Tibeter aber den Eindruck, sich irgendwie mit ihrem Schicksal abgefunden oder zumindest damit arrangiert zu haben. Sei es, weil sie nach der blutigen Niederschlagung ihres Aufstandes in Lhasa 2008 erkannt haben, dass sie mit Gewalt und Auflehnung gegen die Besatzungsmacht China nie eine Chance haben werden und sie auch keine echte Hilfe von Drittstaaten erwarten dürfen oder sei es, weil sie sich heute in Geduld üben und ihre Chance in einem inneren Umbruch Chinas und dem Abdanken der Roten Partei sehen.