24. Dez, 2016

Airbrush - keine Erfindung der Neuzeit!

Wir hatten uns schon halbwegs damit abge-funden, während unseres Aufenthalts in Los Antiguos keinen der geplanten Ausflüge machen zu können. Zum einen steht Weih-nachten kurz bevor und zum anderen ziehen wir nach zwei Tagen bereits wieder weiter.

Nahuel, ein Mitarbeiter von Chelenco, ein kleiner Reiseveranstalter vor Ort, erklärt uns, die Hochsaison starte erst im Januar, weshalb hier zurzeit nicht gerade viel los sei. Dies ist augenfällig. So sind wir im Hotel Mora nahezu die einzigen Gäste und im Dorf herrscht ähnlich wenig Betrieb.

Also haben wir uns gestern im kleinen Büro von Chelenco eingefunden und uns nach einem möglichen Ausflug erkundigt. Fehlanzeige! Nahuel sagt uns, für den 24.12. habe er keine Gäste. Wir wären die einzigen. Und für alle Ausflüge bräuchte er mindestens fünf bis sechs Personen. Doch dann sagt er uns schliesslich, er würde uns privat mit seinem Auto zu den Cuevas de las Manos (Höhlen der Hände) fahren. Preis: 1‘500 Pesos (ca. US$ 100.00) pro Person. Wir sagen sofort zu. Denn erstens liegt dieser Preis unwesentlich über dem Gruppentarif und zum zweiten sind wir genau wegen diesen Höhlenmalereien hier.

Am heutigen Weihnachtstag holt uns Nahuel gegen 07.30 Uhr mit seinem kleinen Ford vor un-serem Hotel ab. Das Schöne und etwas, was in Argentinien nach wie vor nicht selbstverständlich ist, Nahuel spricht ein ganz ordentliches Englisch. Auf der langen Anreise von rund 180 Kilome-tern erzählt er uns viel über die Gegend von Los Antiguos und auch das eine oder andere über die Höhlen und Höhlenmalereien, welche wir im Pinturas-Tal sehen würden.

Los Antiguos liegt am Lago Buenos Aires in einer von Gletschern ausgewaschenen Senke, auf rund 200 Metern über Meer. Als sich der Gletscher vor Hundertausenden von Jahren zurückzog, hinterliess er an seinen Rändern hohe Moränen und in der Senke den Lagos Buenos Aires. Der Lago Buenos Aires liegt zu einem rechten Teil auf chilenischer und zu einem anderen ebenfalls grossen Teil auf argentinischer Seite. Seine Gesamtlänge soll über 160 Kilometer betragen. Dies bei einer maximalen Tiefe von 590 Metern.

Von Los Antiguos folgen wir zuerst der Ruta 41 nach Perito Moreno (gleichnamiger Ort, wie der berühmte Gletscher, jedoch mehr als 1000 Kilometer davon entfernt). Dort biegen wir auf die Ruta 40 ab und später auf eine 28 Kilometer lange Schotterstrasse. Die Landschaft ist steppen-artig, sehr trocken und die Böden sandig und lehmig. Kein Gras weit und breit; nur niedrige Stauden und dazwischen ab und zu mal etwas Blühendes. Regen gäbe es in dieser Gegend nur sehr selten. Und wenn, dann auch nur spärlich. Langsam verändert sich die Landschaft. Wir queren Schluchten, bis wir 163 km südlich von Perito Moreno zu einer eindrucksvollen Schlucht kommen, in welcher der Rio Pinturas fliesst. Zur Zeit ist der Pinturas bloss ein Rinnsal. Grund: zu wenig Schnee und Niederschläge im letzten Winter, sagt uns Nathalia, unsere Führerin der nächsten eineinhalb Stunden.

Beim Besucherzentrum bezahlen wir pro Person 200 Pesos (ca. 12 US$) Eintritt. Um 11.00 Uhr bekommen wir dann mangels anderer Gäste eine Privatführung mit Nathalia. Nathalia erzählt, sie sei hier seit 8 Jahren Volontärin. Sie helfe den Forschern bei ihrer Arbeit und führe Gäste durch die Schlucht. Auf einem schön angelegten, auf 90 Metern über dem Tal gelegenen Felsenweg, wie richtige Forscher mit einem weissen Helm auf dem Kopf, folgen wir Nathalia.  Bis ans Ende des markierten und begehbaren Weges sind es vielleicht ein Kilometer. Nathalia kann uns sehr viel über das frühere Leben der Nomaden erzählen; auch wie der Stand der Forschung aussieht. Betreffend Felszeichnungen sagt uns Nathalia aber auch, die Forschung hätte mehr offene Fragen, als Antworten. So habe man bei diesen Höhlen keine Knochen oder Skelette von diesen Urbewohnern gefunden. Dies gäbe der Forschung grosse Rätsel auf.

Schon bald erscheinen die ersten Höhlen. Es sind dies mehr Felsvorsprünge, als Höhlen. Doch ge-nau diese Felsvorsprünge hätten die Wandmalereien vor der Verwitterung geschützt, erklärt uns Nathalia. Die ältesten Malereien seien mindestens 9‘000 und die jüngsten ca. 5‘000 Jahre alt. In den Höhlen hätten Nomaden der Tehuelche und deren Vorfahren gelebt, sagt uns Nathalia. Was uns diese Nomaden zurückgelassen haben, sind nicht nur Wandmalereien, sondern eine fantas-tische Reise in die Vergangenheit.

Die Cuevas de las Manos wurden im Jahre 1999 auf die Unesco-Liste des Welt-Kulturerbes ge-setzt. Berühmtheit haben die Cuevas vor allem durch die unzähligen Handabdrücke erlangt, wel-che in einer Art Airbrushtechnik angefertigt wurden. Nathalia erzählt uns, man habe am Fusse der Felsen Werkzeuge, wie (Hohl-)Knochen gefunden, mit denen die Nomaden Farbpigmente an die Felsen geblasen hätten. Speziell ist, an den Felsen finden sich nur ganz wenig rechte Hände. Die Nomaden hielten wohl die linke Hand an den Felsen, während sie die rechte Hand brauchten um das Airbrushstück (Hohlknochen eines erlegten Tieres) an den Mund zu halten und zu bedie-nen - ähnlich eines Blasrohrs. Dies wiederum lässt den Schluss nahe, dass die Mehrheit der No-maden Rechtshänder gewesen sein mussten. Die Forschung habe herausgefunden, die verwen-deten Farben, wie schwarz, ocker oder rot, würden aus unterschiedlichen Epochen stammen, erklärt uns Nathalia. Hergestellt seien die Farben primär aus zerriebenen Mineralien, vermischt mit Blut von erlegten Tieren oder anderen Stoffen. In den Cuevas de las Manos bestaunen wir nebst Handabdrücken in Airbrushtechnik, auch Jagdszenen, sowie abstrakte, modern wirkende Motive.

Diese fantastische Schlucht, welche eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Grand Canyon aufweist, inmitten der patagonischen Steppe; dieser grüne Talboden und der Kontrast zu den roten Felsen und die vielen, einzigartigen Felszeichnungen, versetzen uns für einen Moment tief in die Ur-geschichte der Menschheit.

Wenn Du also an der nächsten Fasnacht Dein Gesicht airbrushen lässt, oder Du Bilder in Airbrush-technik siehst, dann denke stets daran, diese Technik beherrschten unsere Vorfahren schon vor mehr als 9'000 Jahren auf wunderbare Art und Weise. Airbrush ist also keine Erfindung unserer Neuzeit!