30. Nov, 2016

Cerro Guanaco (Guanacoberg)

Etwa 12 Kilometer von Ushuaia entfernt, be-findet sich der Parkeingang zum Nationalpark Tierra del Fuego. Der Park mit einer Fläche von 630 km2 erstreckt sich von der chilenischen Grenze am Beagle-Kanal bis zum Fagnanosee.

Wir schauen aus dem Fenster. Uns präsentiert sich eine für diese Region typische Wettersi-tuation. Etwas Sonne, die Berge in Wolken gehüllt und grosse Kumuluswolken über Ushu-aia und dem Beagle-Kanal. Das Gute daran: ein mässiger Wind aus westlicher Richtung treibt die Wolken zügig weiter. Der Tag verspricht schön zu werden. Zumindest prophezeien dies gleich mehrere Internet-Wetterfrösche. Und denen wollen wir einmal mehr Glauben schenken.

Nach einem ausgiebigen Frühstück machen wir uns um 08.30 Uhr auf zum kleinen Busbahnhof am Hafen. Ab dort fahren stündlich Minibusse verschiedener Organisationen in den Tierra del Fuego Nationalpark. Der Preis für eine Hin- und Rückfahrt scheint bei allen Organisationen gleich zu sein. Er beträgt 400 Pesos, etwa 25 Euros pro Person. Im Preis inbegriffen sind die 12 km lange Fahrt zum Parkeingang, sowie rund 13 km innerhalb des Parks. Aussteigen kann man an ganz verschiedenen Orten. Je nachdem, welchen Teil des Parks man besuchen und erwandern will. Für heute wählen wir den Cerro Guanaco. Diese Gebirgstour innerhalb des Nationalparks wird als eine der schönsten beschrieben.

Damit wir aber den Cerro Guanaco besteigen können, müssen wir beim Parkeingang als Erstes noch pro Person eine Eintrittsgebühr von 210 Pesos (ca. 13 Euros) bezahlen. Argentinier (Ein-heimische) bezahlen 100 Pesos. In unserem Rother Wanderführer «Patagonien», der laut Berg-verlag 2016 das dritte Mal überarbeitet wurde, stimmen die Preisangaben bei Weitem nicht mehr. So sind dieselben Touristenbusse in den Terra del Fuego Nationalpark für die wir für eine Hin- und Rückfahrt 400 Pesos berappen mussten, im Wanderführer noch mit 150 Pesos angege-ben. Also mit weniger als der Hälfte. Entweder hat in den letzten Monaten in Argentinien die Inflation extrem grassiert und die Preise haben einen gewaltigen Sprung gemacht oder unser Wanderführer wurde 2016 nicht gewissenhaft überarbeitet.

Wir steigen bei der Haltstelle Lago Roca aus. Hier befindet sich auch ein grösseres Restaurant, wo man sich verpflegen und allenfalls aufwärmen kann. In den Bergen hängen zwar noch etwas Wol-ken. Doch das Wetter wird zusehends freundlicher. Der erste Kilometer geht entlang der staubi-gen Strasse zum letzten Autoparkplatz; dann ein weiterer Kilometer auf dem Sendero Hito am Lago Roca entlang in Richtung chilenischer Grenze. Schliesslich zweigt der Sendero Guanaco rechts ab. Grosse Tafeln weisen darauf hin, dass dies ein anspruchsvoller Bergweg sei und man den Berg nur in guter physischer Verfassung, mit guter Ausrüstung und bei guter Witterung be-steigen soll. Ab hier werden die vier Kilometer und eintausend Höhenmeter mit einer Gesamtzeit von vier Stunden beschrieben.

Alles im Wald steigen wir auf den ersten knapp 1,5 Kilometern steil bergauf und machen so 350 Höhenmeter. Der Weg ist mit Distanzangaben und gelben Pfosten sehr gut markiert. Auf einer Höhe von 425 Metern gibt es einen herrlichen Mirador (Aussichtspunkt). Der Blick auf den Lago Roca und das umliegende Gebirge ist bei schönem Wetter, wie heute, einzigartig. Auf dem nächsten Kilometer verschluckt uns der Wald wieder. Kurz vor der Baumgrenze auf etwa 500 Metern über Meer ändern sich Wald und Bäume. So werden die Bäume kleiner und knorriger. Immer häufiger müssen wir über Wurzelgeflecht klettern und um sumpfige und matschige Stellen einen grossen Bogen machen.

Nördlich der Alpen liegt die Waldgrenze bei etwa 1'800 Metern über Meer. Auf Feuerland befin-det sich diese bereits bei rund 600 Metern. Ähnlich verhält es sich mit dem Hochgebirge. Wo auf der Nordseite der Alpen felsiges Gebirge, Schneefelder und Gletscher kaum unter 2'000 Metern anzutreffen sind, starten diese auf Feuerland schon bei 800 Metern über Meer. Und dabei sieht die Bergwelt Feuerlands unserem alpinen und hochalpinen Gebirge sehr ähnlich (s. Fotoalbum).

Auf einer Höhe von 600 Metern über Meer treten wir aus dem Wald. Jetzt sehen wir den Cerro Guanaco, ein «bröckelnder» Schieferberg, zum ersten Mal in seiner ganzen Grösse. Wir über-queren sumpfiges Gelände - eine Art Moor. Und dann geht der Weg an der Flanke des Guanaco steil bergauf. Auf dem letzten Kilometer sind nochmals 250 Höhenmeter zu überwunden. Gefähr-liche oder ausgesetzte Stellen gibt es auf dieser Tour keine. Gewiss, in unseren Alpen gibt es einige weit schönere Gebirgstouren, als dieser Sendero Guanaco. Doch was diesen Cerro Guana-co so ausserordentlich macht, ist der Ausblick oben auf dem Gipfel. Da sieht man von Ushuaia über den ganzen Beagle-Kanal, hinunter zum Lago Roca, viele Fjorde, kleinere Seen und eine gewaltige Gebirgskulisse. Die Wanderung lohnt sich also wirklich nur bei gutem Wetter. Und dann bekommen wir auf dem Gipfel noch etwas ganz Besonderes zu sehen. Ein Zorro (patagoni-scher Fuchs) sucht die Gegend nach etwas Fressbarem ab (s. Fotoalbum). Schon alleine dafür haben sich die Mühen gelohnt, die fast acht Kilogramm schwere Fotoausrüstung auf den Guana-co zu schleppen.

Eine Stunde Mittag- und Fotopause und dann heisst es auf demselben Weg, den wir gekommen sind, wieder hinunterzusteigen. Erst jetzt merken wir, wie steil und rutschig der Berg ist. Auf den ersten beiden Kilometern wären wir froh gewesen, wir hätten unsere Stöcke dabeigehabt. Nur, die haben wir leider im Hotel vergessen.