29. Nov, 2016

Laguna Esmeralda

Gemäss Wetterbericht sollen morgen und übermorgen die beiden schönsten Tage dieser Woche sein.

Wir wollen diese nutzen um längere Wande-rungen zu machen. Unbeständiges, rauhes, kaltes und oft sehr windiges Wetter gehört auf Terra del Fuego (Feuerland) selbst im Sommer zur Normalität. Man braucht also etwas Wet-terglück, will man am Ende der Welt Gebirgs-wanderungen machen.

Übrigens: Terra del Fuego, was der Name vermuten lässt, hat nichts mit Vulkanen zu tun. Solche gibt es hier weit und breit keine. Der portugiesische Seefahrer gab der Gegend einst diesen Na-men. Hatten ihn doch die zahllosen Feuer überrascht, welche die Ureinwohner zum Schutze der ständigen Kälte unterhielten. Der Archipel selber besteht aus einer Hauptinsel namens Isla Gran-de de Tierra del Fuego und vielen kleinen Nebeninseln. Auf der Hauptinsel befindet sich Ushuaia auf der argentinischen und Porvenir auf der chilenischen Seite. Der Archipel ist politisch in zwei Hälften geteilt. Der westliche Teil gehört zu Chile und der östliche zu Argentinien.

Nachdem bei unserer gestrigen Ankunft die Wolken noch sehr tief hingen und wir auf unserem ersten Spaziergang förmlich durch die Stadt geblasen wurden, klart es heute zusehends auf. Es wird zwar nicht wolkenlos. Doch ein schöner und fast windstiller Tag kündet sich an. Wir wollen heute zur Laguna Esmeralda wandern. Diese Esmeralda-Wanderung gibt es geführt für rund Fr. 100.00 pro Person. Doch das lässt sich weit preiswerter selber organisieren. Denn die Hotels in Ushuaia haben ein Abkommen mit einem Busunternehmen. So können sich Hotelgäste praktisch stündlich bei ihrem Hotel abholen und beim Einstieg der Wanderung (Valle de Lobos / Wolfstal) rund zwölf Kilometer von Ushuaia entfernt, absetzen lassen. Während der Hinfahrt vereinbart man mit dem Fahrer gleich den Zeitpunkt wann er bzw. sie einem dann wieder am Ausgangs-punkt abholen soll. Preis pro Person 200 Pesos (ca. SFr. 14.00 /Euro 13.50). Etwas teurer, aber immer noch viel günstiger als eine geführte Tour ist, sich in Ushuaia ein Taxi zu nehmen.

Wir decken uns in der Stadt noch mit etwas Proviant ein und lassen uns dann um 13.00 Uhr vor unserem Hotel abholen. In einem Bus, der sicher 20 Passagieren Platz bieten würde, sind Marion und ich auf der ganzen Hin- wie auch am Abend auf der Rückfahrt die einzigen Gäste. Die Fahrt dauert rund 20 Minuten. Beim Parkplatz vor dem Valle de Lobos zeigt uns unsere Fahrerin den Einstieg zur Wanderung. Der Wanderweg ist mit verschiedenen Farben und Tafeln so gut mar-kiert, dass man sich auf keinen Fall verirren kann. Zuerst geht es durch einen dichten Wald, dann über eine Rietwiese, wo links und rechts Bäche fliessen und Biber diese an verschiedenen Stellen zu richtigen Seen gestaut haben. Am Rande der Seelein und Bäche haben Biber ganze Arbeit geleistet. Überall liegen abgestorbene Bäume herum. Baumstümpfe und durchgenagte Baum-stämme weisen die für Biber typischen Kerbspuren auf. Ein Blick aufs Wasser zeigt, wo letztlich das geschlagene Holz landet und wofür es benötigt wird (s. Fotoalbum). Nur die Biber zeigen sich nicht. Dafür sind wir wahrscheinlich auch schon etwas spät am Tag unterwegs.

Dafür treffen wir hier auf eine holländische Hundetrainerin vom Valle de Lobos. Sie arbeite seit einem halben Jahr im Valle de Lobos als Hundetrainerin mit Junghunden und als Wanderführerin, sagt sie uns. Die Holländerin ist mit etwa zwanzig jungen und halbwüchsigen Schlittenhunden unterwegs (s. Foto Fotoalbum). Die Hunde tollen herum, jagen hintereinander her und kommen wieder zurück. Einen Überblick über die Zahl der Hunde die sie dabeihat, hat sie nicht. Doch die Hunde kämen immer wieder alle zurück, meint die sympathische Holländerin. Ich frage mich, wie will sie denn das wissen, wenn sie schon keinen Überblick über die Zahl ihrer Hunde hat? Ob die Hunde so ohne Leine denn nicht jagen würden, wollte ich wissen. Das wisse sie nicht so genau, gibt sie offen zu. Grosswild sicher keines, meint sie. Die Guanacos würden höher in den Bergen leben und Rehe und Hirsche gebe es hier keine (Anmerkung: vermutlich keine mehr!). Gleichzeitig fügt sie an, einmal habe einer ihrer Hunde einen Biberschwanz zurückgebracht. Jetzt ist mir auch klar, wieso wir hier keine Biber zu Gesicht bekommen. Wir verabschieden uns und wandern weiter.

Nach einem weiteren Stück Wald verlassen wir diesen endgültig. Es wird matschig, moorig, mo-rastig und sumpfig. Der Weg ist zwar gut markiert. Doch sehr oft müssen wir einen weiten Bogen machen, wollen wir nicht einen Schuh voll rausziehen. Einem Bach, genau genommen dem Aus-fluss der Laguna Esmeralda entlang, steigen wir etwa hundert Höhenmeter immer leicht bergauf. Stets mit einem herrlichen Gebirgspanorama vor Augen. Nach knapp zwei Stunden erreichen wir ihn, den türkisblauen Gletschersee. Er dürfte etwa Dreiviertel der Grösse unseres Rotsees haben. Nach einem späten Mittagessen umrunden wir den See; beobachten zwei Magellangänse am oberen Ende des Sees und schiessen einige Fotos. Dann heisst es auf dem gleichen Weg, den wir gekommen sind, zurückkehren. Um 17.30 Uhr erwartet uns unsere Busfahrerin wieder am Park-platz beim Valle de Lobos. Angegeben wird die Wanderung mit drei Stunden. Wenn man wie wir den See umrundet und ausgiebige Pausen macht, benötigt man insgesamt maximal vier Stunden. Das Schöne ist, wir befinden uns hier bereits so weit südlich, dass zwischen Sonnenauf- und Son-nenuntergang 17 Stunden liegen. Erst nachts, kurz vor 22 Uhr verschwindet die Sonne hinter den Bergen. Und selbst dann bleibt es noch lange hell. So kann man im Sommer auf Feuerland getrost auch noch nachmittags zu einer Wanderung aufbrechen. Selbst Geschäfte sind in Ushuaia abends um 20 Uhr noch geöffnet.

Am Abend buchen wir in einem Reisebüro für den 16. Dezember – das ist der Tag, an dem wir von der Antarktis zurückkehren - einen Weiterflug nach El Calafate (Argentinien). Es gibt auch Busse nach El Calafate. Doch die Busreise dauert rund 18 Stunden. Vor 25 Jahren, als wir auf unsere erste Weltreise aufgebrochen sind, hätten wir um ein paar Pesos und eine Übernachtung sparen zu können, uns diese lange Fahrerei noch angetan. Doch heute kostet uns dieser Inland-flug von etwas mehr als einer Stunde nur gerade SFr. 100.00 pro Person. Bei dem Preis schauen wir uns die Buspreise gar nicht erst an.