28. Nov, 2016

Brief an eine kleine Freundin

Liebe Canelita

In der Plastikschüssel, die Du bereits kennst, haben wir Dir auf der Veranda noch etwas Futter bereitgestellt. Es ist nicht viel. Es ist der Rest, den wir noch übrighatten. Ich bin sicher, Du hast das Futter längst entdeckt und es herzhaft gefressen. So, wie immer, wenn Du uns am Morgen oder am Abend nach unserer Rückkehr von unseren Ausflügen be-sucht hast. Du hattest immer einen guten Appetit. Oder ganz einfach hunger!

Doch wenn Du heute auf die Veranda kommst um uns zu besuchen, dann wird unsere Zimmertüre verschlossen sein oder es wohnen bereits andere Leute da. Es nützt nichts! Selbst wenn Du Dich stundenlang vor unsere Türe legst und wartest. Es bringt auch nichts, wenn Du leise jaulst oder bellst. Wir sind nicht mehr da und kommen nicht mehr zurück.

Heute in der Früh sind wir Richtung Süden weitergezogen. Leider konnten wir Dich nicht mitnehmen. Wir hätten es so gerne getan. Und gestern abend hätten wir beinahe noch eine Dummheit gemacht. Claudia eine der beiden netten Damen vom Paradise, hat uns ein gutes Hundeheim in Puerto Madryn vermittelt. Mit ihrer Hilfe habe ich mich mit dem Hundeheim bereits telefonisch in Verbindung gesetzt. Man hätte Dich sofort aufgenommen und sich dort so lange um Dich gekümmert, Dich gefüttert, Dich gepflegt, Dir ein zu Hause gegeben und man wäre mit Dir spazieren-gegangen, bis wir Ende April wieder zurück in der Schweiz sind. Dann hätte man Dich in ein Flugzeug gesetzt und uns in die Schweiz geschickt. Claudia hätte Dich eine Stunde nach dem Telefonanruf mitgenommen, Dich ins Hundeheim gebracht und das Geld, das wir ihr für die fünf Monate mitgeben wollten, dem Claudio Costa und seiner Frau Eliana Hoffmann vom Hundeheim gebracht. Diese hätten dann gut zu Dir ge-schaut und Claudia hätte uns regelmässig Fotos von Dir geschickt. Doch dann kam alles anders!

Dein Besitzer – den Namen kennen wir nicht und das ist auch nicht so wichtig – hat Dich mit seinem Auto vor dem Paradise abgeholt und Dich an den Strand gefahren. Wir – Marion und ich – sind Euch an den Strand gefolgt und geschaut, wo Du Dich aufhältst. Du liefst am Strand auf und ab. Ein Stück entfernt von Deinem Besitzer und seiner Frau. Wir gingen ebenfalls am Strand spazieren. Gleichzeitig haben wir Dich bewusst ignoriert um zu sehen, was passiert. Doch als Du uns entdeckt hast, wolltest Du nur noch bei uns sein und mit uns ziehen. Das Rufen Deines Besitzers half nichts. Du hast Dich nicht einmal umgedreht. Nichts, aber auch gar nichts. Du hast uns einfach angeschaut und bist mit uns weitergelaufen. Nachdem sein Rufen erfolglos war, kam er langsam hinter uns her. Wir waren mindestens 400 Meter voraus. Schliesslich kehrten wir um. Und Du mit uns. Wir redeten kein Wort mit Dir. Wir liefen Deinem Besitzer entgegen. Als wir ihn erreichten sprach ich ganz wenige Worte auf Spanisch mit ihm. Er konnte kein Englisch. Wir liessen uns nichts anmerken, dass wir Dich bereits kannten, Dich all’ die letzten Tage gefüttert, mit Dir gespielt, Dich gekrault und einfach gute Tage mit Dir verbracht hatten. Er sagte uns, dass Du Canela heisst und ungefähr ein Jahr alt bist. Und, dass sich zwei Schweizer für ihren Hund interessieren würden. Das war es also!

Du musst wissen, es setzen sich bereits mehrere Personen vom Paradise für Dich ein, damit Du eine bessere Zukunft bekommst. Zwei von ihnen waren vorgestern bei Deinen Besitzern und haben sie gebeten, sie mögen uns - eben diesem Paar aus der Schweiz – ihren Hund freigeben, bzw. verkaufen. In diesem einen Tag vor unserer Abreise konnte sich die Familie jedoch offensichtlich nicht entscheiden. Es gab weder ein Ja noch ein Nein.

Gestern abend haben Dich Deine Besitzer mit deren Autos noch zweimal vom Para-dise abgeholt. Du bist artig eingestiegen. Doch kaum haben sie Dich zu Hause – zum Glück nur ein paar Blocks entfernt – abgeliefert, bist Du wieder schwanzwedelnd zu uns zurückgerannt. Du wolltest in unserer Nähe sein. So, wie wir in Deiner. Wir ge-hören einfach zusammen! Dies mussten Deine Besitzer in den letzten zwei Tagen bestimmt mehrfach beobachtet haben. Das ist uns mittlerweile klar.

Nun sind wir also abgereist. Claudia und Selva - die beiden netten Damen vom Para-dise - sie haben uns versprochen sich weiter um Dich zu kümmern und ihre schützen-den Hände über Dir auszubreiten. Sie werden sich auch künftig dafür einsetzen, dass Du zu uns in die Schweiz kommen kannst. Vielleicht würden sie Dich sogar persönlich begleiten und dann bei uns einigeTage Ferien verbringen. Jedenfalls werden Claudia und Selva auch in nächster Zeit das Gespräch mit Deinen Besitzern suchen. Sie wollen Dich freikaufen. Und sollte ihnen dies nicht gelingen, jedoch feststellen, dass Dich Deine Besitzer vernachlässigen, Dich nicht füttern, nicht pflegen und Dich weiterhin einfach Deinem Schicksal der Strasse überlassen, werden sie den örtlichen Tierschutz einschalten, damit dieser Dich ihnen wegnimmt. Das haben sie uns versprochen. Die Freigabe Deiner Besitzer oder das Einschreiten des Tierschutzes sind leider die einzigen beiden legalen Möglichkeiten, damit Du zu uns in die Schweiz kommen kannst.

Bis dahin, pass’ auf Dich auf, liebe Canelita. Bleib gesund und geh’ mit Deinen Dorf-kumpanen nicht zum Wildern. Das kann ganz böse enden! Friss’ nichts von der Strasse oder Sachen, die Du nicht kennst. Und wenn Dich Dein Hunger plagt, dann geh’ zum Paradise; geh’ zu Claudia oder Selva. Die geben Dir zu fressen und zu trinken. Und wenn das nicht reichen sollte, dann schicken wir Geld, damit sie Dir Futter kaufen können.

Liebe Canelita. Dies ist kein Abschiedsbrief. Denn ich bin mir sicher, wir sehen uns wieder.

Dein Pate

Daniel