14. Dez, 2016

Ein denkwürdiger Tag

Wir befinden uns auf der eintausend Kilome-ter langen Rückreise; in der Drake Strait zwi-schen der Antarktis und dem amerikanischen Kontinent. Im Gegensatz zum herrlichen Wet-ter der letzten Tage ist es heute neblig und düster. Himmel und Meer gehen fliessend in-einander über und haben nahezu dieselbe Farbe angenommen. Die Wellen gehen drei bis vier Meter hoch und es weht ein starker Wind.

Zeit also, um wieder einmal einem unserer Lektoren zuzuhören.

Eine Stunde lang erzählt uns Christian auf äusserst spannende Art und Weise über den Wettlauf zum Südpol. Ein Wettlauf, den der Norweger Amundson schliesslich 34 Tage vor dem Briten Scott gewinnt. Amundson kommt mit allen Leuten und einem Teil seiner Hunde gesund zurück, wäh-rend Scott und seine Leute auf dem Rückweg im Eis erfrieren. Heute ist ein denkwürdiger Tag. Denn genau vor 105 Jahren, bzw. am 14. Dezember 2011 um 15.00 Uhr erreichte Amundsen den Südpol und damit den 90. Breitengrad Süd.

Es ist jetzt 11.30 Uhr. Um 15.00 Uhr werde ich entweder mit Marion oder jemand anderem, der gerade an der Schiffsbar sitzt, auf Amundsen anstossen und ihm gedenken. Für uns ist es aber auch deshalb ein ganz besonderer und denkwürdiger Tag, weil unsere Antarktisreise langsam aber sicher zu Ende geht und wir dabei ein ganz kleines Stück von einem wunderbaren Konti-nent, für dessen Natur es eigentlich gar keine Superlativen gibt, kennenlernen durften.

Kurz vor 15.00 Uhr gehe ich an unsere Bar, welche sich wie unsere Kabine auf Deck 4 befindet. Sie ist erstaunlich leer. Und weil ich nun mal mit irgend jemandem auf Amundsen anstossen will und mir Marion dafür einen Korb gegeben hat, suche ich unseren Lektor Christian, der ein Deck tiefer in eine Arbeit vertieft ist. Im Gegensatz zu Marion zeigt er sich nicht abgeneigt, exakt um 15.00 Uhr mit einem Glas Baccardi-Cola - ganz alleine mit mir - auf den grossen Pionier Amund-sen anzustossen.

Übrigens: Amundsen soll im Jahre 1927, im Alter von 55 Jahren, auf einer Expedition zum Nord-pol mit seinem Flugzeug verunglückt und zu Tode gekommen sein. Es gäbe gewisse Anzeichen, welche jedoch nicht erhärtet seien, so Christian, dass dies ein Suizid gewesen sei. Amundsen habe seine besten Zeiten hinter sich gehabt. Sein Ruhm sei verflogen und er sei verarmt gewe-sen. Auch soll er sich vor seinem Flug zum Nordpol von verschiedenen Navigationsinstrumenten und anderen wichtigen Sachen getrennt und gesagt haben, er bräuche diese nicht mehr. Gefun-den hat man Amundsens Leiche nie. Lediglich ein Schwimmer seines Wasserflugzeuges sei später einmal aus dem Meer gefischt worden. So gedenken wir beide kurz diesem Pionier und Helden des frühen 20. Jahrhunderts.

Danach gehe ich zurück in meine Kabine. Eine wirklich schöne Kabine, die einen einzigen Haken hat. Bei hohem Wellengang sind Kabinen je höher oben und je weiter vorne am Bug denkbar ungünstig. Dies bekommen wir auch auf dieser Rückfahrt nach Ushuaia wieder einmal tüchtig zu spüren. Nach diesem Glas Baccardi-Cola stehe ich die nächsten 15 Stunden nur noch einmal auf. Und zwar um einem übergrossen Blasendruck nachzugeben. Dann schlafe ich durch bis 07.00 Uhr. Alle paar Minuten schlagen hohe Wellen gegen das Schiff. Diesmal praktisch immer von vorne. Bis 6 Meter hoch sollen sie gewesen sein, sagt mir heute der Capitän, als ich ihn in seinem Kommandozentrum auf der Brücke besuche.

Hast Du schon einmal einen solch hohen Wellengang auf offener See erlebt? Falls nicht, dann hier mein Kurzbeschrieb, was Dich auf einem 91 Meter langen Schiff, wie der Sea Spirit erwartet. Wenn Wellen gerade von vorne auf das Schiff prallen, hebt sich das Schiff, während man auf dem Bett liegend massiv gegen die Matratze gedrückt wird. Hat das Schiff den Wellenkamm erreicht, dann kommt das Wellental und man fühlt man sich plötzlich komisch leicht, als würde man flie-gen. Dein Magen macht dies herrlich mit - je nachdem, wieviel Dein Magen gerade zu verdauen hat. Und angekommen im Wellental, kommt dann der Aufschlag und der Knall. Da wirst Du so richtig zusammengestaucht und Alles beginnt von vorne. Mal etwas leichter, mal etwas heftiger. Aufstehen, fast keine Chance. Bereits nach einem Glas Baccardi-Cola - hätte dafür aber nicht einmal Alkohol gebraucht - fühle ich mich wie ein total Betrunkener. Unsere Tabletten gegen Seekrankheit nützen nichts bis sehr wenig. Am anderen Morgen berichten uns andere, welche weniger teure Kabinen, ohne Fenster, nur mit Bullaugen, unten auf dem zweiten Deck in der Mit-te des Schiffes gebucht hatten, dass sie eine ganz ordentlich ruhige Nacht verbracht hätten. Das ist es also! Für dieses Berg- und Talbahnfeeling bezahlt man mehrere Tausend Franken mehr, als jene Personen, welche "schlechtere" Kabinen auf unteren Decks buchten. Anfängerpech! Das nächste Mal wissen auch wir, wo sich die "guten" Kabinen befinden.