13. Dez, 2016

Yankee Harbour und Half Moon Island

Am frühen Morgen ankert unser Schiff beim kleinen Hafen von Yankee Harbour an der Süd-west-Seite von Greenwich Island. Dieser Hafen war schon um 1820 den britischen und ameri-kanischen Robbenfängern bekannt, weshalb der Hafen auch Yankee Harbour genannt wird. Damals habe man mit Robbenfellen viel Geld verdienen können, erklärt man uns. Nachdem jedoch eine grosse Anzahl dieser friedlichen und einfach zu jagenden Fleischberge getötet und die Pelzrobben beinahe ausgerottet wor-den seien, habe die Robbenjagd in der Antarktis ein baldiges Ende genommen. Dies ganz im Ge-gensatz zur Walfischjagd. Denn diese gestaltet sich auch heute noch weit schwieriger, als träge am Strand oder auf Eisschollen liegende Robben zu töten.

Heutzutage sollen auf den Strandwällen Harbour Island gegen 4000 Eselspinguine leben. Der na-he Bluff Gletscher bietet den brütenden Pinguinen eine spektakuläre Aussicht. Ob die Pinguine diese Kulisse auch zu würdigen wissen? Wohl kaum. Zu sehr sind sie doch mit sich selbst, ihrem Brutgeschäft und den Steine klauenden Nachbarn beschäftigt. An Tagen mit guter Sicht - so wie heute - kann man über die McFarlane Strait bis nach Livingston und Half Moon Island sehen.

Bis heute glaubte ich, wir würden mit unserer Antarktisreise etwas ganz Spezielles und Ausser-gewöhnliches tun. Doch dann sehen wir in der Yankee Harbour Bucht, unweit von unserer Sea Spirit entfernt, eine Segeljacht. Es ist dies ein kleiner Zweimaster von höchstens zehn Metern Länge aus dem gerade fünf Leute in ein Schlauchboot steigen. Angezogen in Skikleider, mit Ruck-säcken auf dem Rücken und grossen Tourenskiern, welche sie links und rechts an ihren Ruck-säcken festgebunden haben, fahren sie zu uns an den Strand (s. Foto).

Offenbar wollen diese hier einen der Schneeberge besteigen um danach die jungfräulichen Gletscherhänge hinunterzufahren. Bei diesem Anblick bin ich einfach nur noch sprachlos. Da bleibt mir die Spucke weg – oder so ähnlich!

Am Nachmittag besuchen wir ganz in der Nähe Half Moon Island. Half Moon Island ist eine zwei Kilometer lange, halbmondförmige Insel im Schatten der beeindruckenden Berge und Gletscher von Livingston Island. Die Insel beheimatet eine grosse Zügelpinguinenkolonie. Die schroffen und zerklüfteten Klippen sind auch Heimat der Antarktisseeschwalbe, der Dominikanermöwe, des Weissgesicht-Scheidenschnabels und der Buntfusssturmschwalbe. In Richtung des westlichen Endes des Strandes können wir die argentinische Camara Station sehen. Wie alle argentinischen Stationen erkennt man auch diese an den riesigen argentinischen Flaggen, welche auf die oran-gen Gebäude gemalt sind. Diese Station soll nur im Sommer genutzt werden. Böse Zungen be-haupten, die Argentinier würden ihre Stationen nur dazu benutzen, um jedes Jahr ihre blauweis-sen Flaggen neu zu streichen.

Dies ist unser letzter Tag in der Antarktis. Die Sea Spirit tritt bereits heute Abend ihre Rückfahrt nach Ushuaia an. Mit Staunen und Wehmut bleibe ich so lange am Strand von Half Moon Island, wie ich nur kann. Über der Camara Station künden dunkle Wolken einen Wetterumschwung an. Der Wetterbericht soll für heute starken, aufkommenden Wind und schlechtes Wetter vorherge-sagt haben, erklärt uns Michaela. Dies trifft zwar - wie so viele Prognosen der letzten Tage - auch heute nicht zu. Doch in diesem Moment des Abschiednehmens sind mir Wetterberichte, ob rich-tig oder falsch, ohnehin so was von egal. Ich schaue am Strand nochmals den neugierigen und trolligen "Watschlern" zu; begebe mich noch ein letztes Mal zu einem rund hundertjährigen, ge-strandeten und halbzerfallenen Holzboot aus Zeiten der Robben- und Walfischjagd. 

Zum Schluss setze ich mich in eines der letzten Zodiac's, das mich - ganz in meine Gedanken versunken - als einzigen und nahezu letzten Gast zur Sea Spirit zurückfährt.