11. Jan, 2017

Die Schlacht!

Noch immer in Chile, 2'000 Kilometer Luftlinie südlich von San Pedro - zur selben Zeit, wie es in der Atacamawüste staubig braun und kno-chentrocken ist - blüht und grünt es im Süden Chiles - so ähnlich, wie in der Schweiz in den Monaten Mai und Juni. Die Temperaturen in Puerto Varas, wo wir uns seit gestern nachmit-tag befinden, liegen bei angenehmen 18 bis 24 Grad. Diese Gegend Patagoniens gilt nicht nur als sehr fruchtbar, sondern auch als das «Regenloch» Chiles. Auf unserem Flug von Calama nach Santiago haben uns deutsche Sitznachbarn davor gewarnt, in Puerto Montt würde es an 300 von 365 Tagen regnen. Vor einer Woche seien sie in Puerto Montt gewesen - diese Stadt liegt gerade-mal 18 Kilometer von Puerto Varas entfernt - wo sie an vier von vier Tagen Regen gehabt hätten. Nun gut, wir werden ja auch nur vier Tage hier sein. Und nach 14 Tagen extremer Trockenheit und grosser Wärme können vier Tage Regen ja auch ganz reizvoll sein, denken wir uns.

Bei unserer gestrigen Ankunft in Puerto Montt ist der Himmel zwar etwas stärker bewölkt. Doch das Wetter zeigt sich insgesamt von seiner freundlichen Seite. Und für heute sagt der Wetterbe-richt sogar recht schönes Wetter voraus. So machen wir uns nach der Taxifahrt vom Flughafen von Puerto Montt nach Puerto Varas und nach unserem Einchecken im Hotel Solace gleich auf den Weg ins Touristenbüro von Puerto Varas auf, welches sich keine fünf Gehminuten vom Hotel entfernt befindet. Wie fast an jedem neuen Ort ist das Touristenbüro eine unserer ersten Adres-sen, wo wir uns mit Informationen und Informationsmaterial so richtig eindecken. Und solche Touristenbüros gibt es fast in jedem kleinen Dorf.

In der Nähe von Puerto Varas, am östlichen Ende des riesigen Lago Llanquihue liegt der Parque Nacional Vicente Pérez Rosales. In diesem Park befinden sich zwei herrliche Vulkane - der Osorno mit einer Höhe von 2'652 Metern und der Tronador mit 3'320 Metern. Beide Vulkane zeichnen sich durch schöne Kegel und weisse Schneekuppen aus.

Das Wetter zeigt sich von der wirklich schönen Seite. Wir wollen heute im Vicente Pérez Rosales wandern gehen. Mit Fotoausrüstung und etwas Proviant begeben wir uns ins Stadtzentrum, wo kleine blaue Busse zu einem sehr günstigen Preis von Fr./Euro 4.00 pro Person in den rund 60 Kilometer entfernt gelegenen Nationalpark fahren. Alleine die Anfahrt am Lago Llanquihue ent-lang, stets mit dem Vulkan Osorno vor uns, ist bereits mehr als diese Fr. 4.00 wert. Wir steigen in Petrohué am Lago Todos los Santos aus. Am See warten viele kleine und etwas grössere Tou-ristenboote auf Gäste. Und Gäste kommen offenbar viele hierher. Denn der Parkplatz ist heute Mittwoch um 11 Uhr bereits bestens besetzt. Doch wir sind nicht hierher gekommen um Böt-chen zu fahren, sondern um zu wandern.

Petrohué ist ein ganz kleiner Ort, Mitten im Nationalpark Vicente Pérez Rosales. Bestehend aus einem Restaurant, zwei kleinen Souvenirläden, einem Hotel, ein oder zwei Häusern, einer Park-aufsicht, einem Campingplatz und einem grossen Parkplatz. Wandergäste müssen sich bei der Parkaufsicht registrieren lassen. Wir tragen uns in ein Buch ein, bekommen von einer netten Dame, welche sogar etwas englisch spricht, ein paar wichtige Informationen über den Zustand der Wege und was für Tiere man sehen kann, sowie eine kleine Karte mit einem Überblick über den Park. Und dies zu meiner Überraschung erst noch kostenlos. Auf meine Frage, welche Tie-re wir in diesem Teil des Nationalparks sehen können, erklärt uns die Dame, Füchse gäbe es überall. Und mit etwas Glück könne man auch Rotwild oder Spechte sehen.

Wir begeben uns auf eine vierstündige Rundwanderung, welche uns Teils am Lagos Todos los Santos und Teils durch niedrigen, halboffenen Wald führt. Nach ein paar hundert Metern brummt es an unseren Ohren. Ich frage Marion ob sie erkenne, was das für Brmmer seien. Sie meint, sie könne es nicht genau sagen, sie vermute jedoch so etwas wie Junikäfer. Farblich hätten die rötlich-schwarzen Dinger auch Maikäfer sein können. Nur, diese «Käfer» folgen und verfolgen uns auf Schritt und Tritt. Und so etwas bin ich mir von Mai- und Junikäfern definitiv nicht ge-wohnt. Wir wandern weiter. Es ist heiss. Wir schwitzen. Es geht leicht bergauf und der Pfad ist fast überall mehr oder weniger sandig und teilweise recht tief. Ein Schritt vor und ein halber zurück – so wie an einem tiefen Sandstrand.

Die «Käfer» lassen einfach nicht von uns ab. Es werden zusehends mehr. Dann bleibe ich stehen und warte ab, was die Brummis tun. Dann landet einer auf meinem Arm und macht sich gleich an die Arbeit. Erst jetzt sehe ich – es sind grosse, schwarzbraune Bremsen. So gross, wie unsere Rossbremsen – einfach schöner gezeichnet.

Zack! Die hat’s nicht überlebt. Uns kommen Wanderer entgegen. Jeder von denen hält einen halben Baum in der Hand mit dem er wedelt. Irgendwann tun wir es den Anderen gleich. Grüne, verblühte Ginsterzweige sind zum Wedeln geradezu ideal. Die Zahl der Brummer nimmt zu. Ich zähle zwischenzeitlich zehn bis zwanzig Plagegeister, welche es auf mich abgesehen haben. Ich schlage wild und kräftig zu; treffe mich selber im Gesicht. Autsch! Aber ich erwische immer wieder auch die eine oder andere Bremse, die dann benommen und mit einem Brummschädel im Sandweg landet. Irgendwie macht das Wandern so nicht wirklich Spass. Unseren Insektenschutz haben wir natürlich im Hotel vergessen. In der Atacamawüste brauchten wir so etwas nicht. Ausgenommen in der Nacht, wenn bei offenem Fenster Mücken ins Zimmer kamen.

So sind wir auf diese Viecher einfach nicht vorbereitet. Wildtiere, wie könnte es anders sein, sehen wir bei dem Lärm, den wir veranstalten, natürlich keine. Und dass die häufigsten Tiere, welche wir auf unserer Wanderung zu sehen bekommen, Bremsen sind, hat uns die nette Dame am Parkeingang auch schön verschwiegen.

Die Gegend am Lago Todos los Santos wäre ja wunderschön. Links vor uns der Osornovulkan (s. Foto - vom Parkeingang aus aufgenommen) und rechts der Lago Todos los Santos. Doch in An-betracht unserer Abwehrschlacht gegen eine Übermacht an Bremsen können wir diese Land-schaft einfach nicht geniessen. Und ans Fotografieren denke ich schon gar nicht. Nicht einmal unseren Lunch packen wir aus. Und getrunken wird im Gehen, während einer trinkt und der andere mit wildem Wedeln ihm den Kopf und den Rücken von Bremsen freihält. So schaffen wir gerade mal eine Runde von zehn Kilometern. Dann sind wir wieder beim Parkausgang, wo der Spuk ein abruptes Ende nimmt. Kurz vor 15 Uhr essen wir hier unseren Mittagslunch und ge-niessen ein halbes Kilo feiner, frischer Erdbeeren aus der Gegend.

Um 16.30 Uhr sind wir schliesslich mit einem blauen Bus wieder zurück in Puerto Varas. Wir blicken auf eine gewonnene Schlacht mit fast keinen Bremsenstichen zurück. Dafür schmerzt mir jetzt mein rechter Arm vom wilden Wedeln mit grünen Ginsterzweigen.