28. Dez, 2016

Lange Gesichter!

Die ersten fünfeinhalb Monate unserer Welt-reise lief so ziemlich alles wie am Schnürchen. Eigentlich viel zu gut und viel zu perfekt um wahr zu sein. Ein Jahr lang haben wir geplant und organisiert. Und dies fast bis ins letzte De-tail.  Zehn Reisebüros weltweit haben sich an unserer Reiseplanung beteiligt. Und meinen ganzen Hang zum Perfektionismus habe ich in diese Reise gelegt. Zehn Monate ohne Panne kann es auf so einer Reise doch gar nicht ge-ben. Irgendwann musste doch der Tag kom-men, wo etwas schiefgeht!

Dieser Tag ist gekommen und zwar heute. Wir sind in Chile. Unser Flug von Puerto Montt - mit Zwischenlandung und Umsteigen in Santiago de Chile – nach Calama (Atacamawüste) klappt noch bestens. Auch reist unser Gepäck schön brav mit uns mit. Nach der Ankunft in Calama gehen wir im Flughafengebäude zum Schalter von Europcar. Bereits im Juni 2016 hatten wir über einen Internetvermittler ein Auto bei Europcar vorgebucht. Nun wollen wir unser Auto in Empfang nehmen, so, wie wir dies bereits auf der Peninsula Valdés getan haben.

Wir haben unseren Voucher (Gutschein) von Atlaschoice, diesem Zwischenhändler dabei, der im Internet zwischen Autovermietern und Kunden fungiert. Wir präsentieren diesen Gutschein der Dame am Schalter von Europcar. Diese teilt uns auf spanisch mit, dass sie uns kein Auto geben könne, weil Europcar nicht mehr mit Atlaschoice zusammenarbeite. Ich erkläre ihr, dass wir das Auto bereits bezahlt hätten -  am 5. August über meine Kreditkarte belastet. Daraufhin händigt uns die Dame ein Papier von Atlaschoice aus, auf dem Atlaschoice mit einem gewissen Bedauern in spanischer und englischer Sprache zum Ausdruck bringt, dass das Unternehmen nicht mehr zahlungsfähig sei und es sich gewissermassen in einem Konkursverfahren befände - oder so ähnlich. 

Na wunderbar! War dies soeben die Mitteilung, dass wir gerade Fr. 732.00 in den Sand gesetzt haben? Wie dem auch sei, wir wollen und brauchen für die nächsten 13 Tage ein Auto. Also er-kundigen wir uns bei der netten Damen ob uns Europcar wenigstens ein Auto vermieten könne. Die Antwort ist nein. Alles ausgebucht. Und wie es dann bei den anderen am Flughafen von Calama ansässigen Anbietern wie AVIS, HERTZ etc. aussehen würde, erkundige ich mich bei ihr. Schlecht, meint die Dame. Wir könnten es noch am Schalter nebenan versuchen. Der Autover-mieter heisst FIRST. Noch nie etwas davon gehört.

Ich wusste doch, hier in Calama – irgendwo im Nirgendwo - muss man unbedingt ein Auto im Voraus buchen, will man sicher sein, über einen fahrbaren Untersatz zu verfügen. Es sei denn, es gehe einem wie uns und man falle auf einem "faulen" Vertrag herein. Der Ran auf Autos um die Atacamawüste zu erkunden, ist äusserst gross. Dies wird uns spätestens heute klar. Wir könnten zwar die einhundert Kilometer lange Strecke nach San Pedro de Atacama, wo sich unsere Unterkunft befindet, mit einem Bus oder Taxi zurücklegen. Doch, wenn wir die nächsten 13 Tage etwas unternehmen wollen, dann sind wir ohne eigenes Auto auf die nicht ganz billigen Touranbieter vor Ort angewiesen. Abgesehen davon, sind wir mit einem eigenen fahrbaren Untersatz schon sehr viel flexibler und unabhängiger.

Sollte es also mit einem Mietauto nicht klappen, dann befürchte ich, dass wir diese Nacht in Calama und nicht in unserem vorgebuchten Hotel in San Pedro verbringen werden. Denn es ist bereits 16.00 Uhr. Einen Bus dürften wir kaum noch kriegen und ein Taxi würde uns im Minimum Fr./Euro 80.00 bis 100.00 kosten.

Der Schalter von FIRST ist lange nicht besetzt. Nach rund zwanzig Minuten kommt ein Herr. Er sagt uns, er habe noch Autos. Die erste positive Nachricht, seit wir bei Europcar vorgesprochen haben. Wir buchen einen Hyundai. Eine 5-türige Limousine (s. Foto) für US$ 44.00 pro Tag. Dieses Auto ist erst noch um Einiges billiger, als Jenes, welches wir über Atlaschoice gebucht hatten.

Ich rechne aus, mit den Auslagen für beide Autos zusammen hätten wir uns in Calama vermutlich einen 4x4 Pickup leisten können. Damit wären wir so unabhängig gewesen, dass wir sämtliche Touren in die Wüste alleine machen könnten. Mit dem Hyundai sind wir auf geteerte Strassen oder zumindest auf gute Pisten angewiesen.

Während wir die einhundert Kilometer trockenste und ödeste Gegend zwischen Calama und San Pedro de Atacama zurücklegen – der Hyundai mit 6-Gang-Getriebe läuft super gut – hänge ich so meinen Gedanken nach. Was ist, wenn wir mit Atlaschoice einer Betrugsfirma aufgesessen sind?

Gegen 18.30 Uhr kommen wir in unserem Hotel in San Pedro de Atacama an. Vor 14 Jahren waren wir schon einmal hier und damals waren wir von dieser Wüste so sehr begeistert, dass wir unbedingt nochmals hierher zurückwollten. Auf den ersten Blick macht es den Eindruck, dass in San Pedro de Atacama die Zeit stehengeblieben ist.

Die kommende Nacht schlafe ich nicht wirklich gut. Ich muss morgen im Internet recherchieren was es mit Atlaschoice auf sich hat. Verkaufen die immer noch nichtsahnenden Kunden faule Verträge? Dann werde ich aber umgehend meine Kreditkartenfirma kontaktieren müssen und die Abbuchungen der letzten Monate genau unter die Lupe nehmen. Was im schlimmsten Fall heissen würde, meine Karte sperren lassen. Zudem schlafe ich schlecht, weil bei mir seit gestern eine Erkältungsgrippe im Anzug ist.